Das Stadtlabor in der Innenstadt von Soest

Soest Digital: „Als Digitale Modellregion sind wir aufgewacht“

Wenn Stephan Siegert seinen Arbeitsplatz betritt, trifft eine alte auf eine neue Zeit: In einem denkmalgeschützten Fachwerkhaus gestalten Siegert und seine Kolleg*innen von Soest Digital die Zukunft der westfälischen Mittelstadt. Siegerts Arbeitsplatz ist das neu eröffnete Stadtlabor. Hier diskutiert das Team von Soest Digital gemeinsam mit der Stadtgesellschaft über den digitalen Wandel und stößt neue Ideen an.

Vor dem charmanten Geschäftshaus in der Marktstraße sind Pflastersteine verlegt, drinnen stützen schwere, dunkle Holzbalken die tiefen Decken. Durch ein großes Schaufenster können Fußgänger den großen Bildschirm im Foyer sehen. Viele der einzelnen digitalen Projekte werden im Stadtlabor präsentiert. Und die Räume zwischen manchen Holzbalken sind mit Fragen gefüllt, um die Besucher*innen zum Nachdenken anzuregen: Erlebe ich Lufttaxis noch? Was macht Soest stark?

 



 

Soest verkörpert Mittelstadt und ländlichen Raum

„Dank des Projekts Digitale Modellregion sind wir aufgewacht“, sagt Stephan Siegert, der als Projektmitarbeiter unter anderem für die Entwicklung und Bürgerbeteiligung zuständig ist. Seit 2018 ist Soest eine der fünf digitalen Modellregionen, die in Nordrhein-Westfalen vom Land gefördert werden. „Soest steht für die Mittelstädte und den ländlichen Raum und ist die mit Abstand kleinste Kommune von den ausgewählten Orten.“

 


Digitale Modellregion

Soest zählt neben Paderborn, Wuppertal, Aachen und Gelsenkirchen zu den digitalen Modellregionen in Nordrhein-Westfalen. Soest fungiert als Leitkommune und hat den Kreis Soest und die Städte Iserlohn und Lippstadt als Partner. Das auf vier Jahre ausgelegte Projekt (bis Sommer 2022) wird mit etwa 10 bis 15 Millionen Euro vom Land gefördert. Die Antragsteller eines Einzelprojekts müssen sich jeweils mit einem prozentual festgelegten Eigenanteil beteiligen. Weitere Informationen zu Soest Digital.


Dennoch haben die Stadt Soest und die beteiligten Städte Iserlohn und Lippstadt sowie der Kreis Soest von allen Modellregionen vermutlich die meisten Projektanträge gestellt. „Mit 20 von 30 eingereichten Projekten haben wir nahezu alle an den Start gebracht“, sagt Siegert. Bei Soest Digital geht es um E-Government, Bildung, Infrastruktur, eine attraktive Innenstadt, Mobilität, Gesundheit und Bürgerbeteiligung.

Bus und Smartphone kommunizieren

Eines der Projekte trägt den Namen „Big Bird Westfalen“ und soll Bus und Bahn fahren in der Region mit einem digitalen Ticket möglich machen. Das funktioniert so: Das Smartphone und eine im Bus oder in der Bahn montierte Box kommunizieren per Bluetooth. Dadurch erkennt das System, wann der Fahrgast ein- und aussteigt und bucht automatisch den günstigsten Fahrpreis.

Außerdem ist die App barrierearm und barrierefrei konzipiert, sodass Menschen mit Sehbehinderung, Senioren mit Rollator oder Eltern mit Kinderwagen einfacher von A nach B kommen. „Die App wurde ausgehend vom schwächsten Verkehrsteilnehmer gedacht“, sagt der 32-jährige Siegert.

Stephan Siegert und Sarah Spickhofen unterhalten sich in Soest über barrierefreies Fahren.
Stephan Siegert und Sarah Spickhofen unterhalten sich in Soest über barrierefreies Fahren. Foto: Fabian Wahl

Am Busbahnhof Hansaplatz trifft Siegert Sarah Spickhofen, die beim Kreis Soest angestellt ist und eine Sehbehinderung hat. Sie sagt, dass „Big Bird Westfalen“ für sie eine echte Erleichterung sei. Zuhause schaltet sie die App ein und gibt ihren Zielort ein. Daraufhin errechnet die App die beste Route. Per akustischem Signal wird Spickhofen zu Fuß bis zur gewünschten Bushaltestelle navigiert. Doch an zentralen Plätzen wie dem Hansaplatz gibt es nicht nur eine Bushaltestelle, sondern gleich mehrere. Damit sie schließlich im richtigen Bus sitzt, nutzt sie das Türfindesignal.

Mehr Eigenständigkeit durch barrierearme Umsetzung

„Wenn mir ein sehender Mensch den Weg beschreibt, ist mir das zu ungenau“, sagt Spickhofen. Dank der App könne sie nun auch unbekannte Wege nehmen. „Es macht mich eigenständiger.“ „Big Bird Westfalen“ wurde von einer in Soest gegründeten Firma entwickelt, die weltweit agiert, und auch schon in Essen im Einsatz ist. Inzwischen haben die Entwickler ihren Sitz aber nach Dortmund verlegt. Abwanderungen wie diese will man in Soest am liebsten verhindern.

Drum kämpft sich die 50.000-Einwohner-Stadt dagegen, dass Unternehmen und Einwohner*innen Soest den Rücken kehren, und dafür, landesweit nicht nur als Veranstaltungsort der Allerheiligenkirmes wahrgenommen zu werden. Soest Digital dient hier als Antreiber. „Wenn man heute als Kommune überlebensfähig bleiben möchte, muss man sich über digitale Technologien ernsthaft Gedanken machen“, sagt Siegert. „Wir müssen anschlussfähig bei der Entwicklung und auch lebenswert bleiben.“ Die Einwohner*innen sollten nicht nur in Soest wohnen bleiben, sondern auch neue dorthin ziehen.

 

Diese Heimatverbundenheit soll auch das Projekt 3D-Stadtmodell fördern. Die gesamte Stadtfläche wurde überflogen und per Kamera vermessen, um ein hochauflösendes Modell in 3D zu ermöglichen. Für Handwerksbetriebe und Architekt*innen gibt es ein Modul, um Dachflächen am Computer zu berechnen. Für ein Angebot kann ein Dachdecker zum Beispiel die Dachfläche auf den Dezimeter genau feststellen und berechnen, wie viele Dachziegel er benötigt.

Hilfe bei Bebauungsplänen

„Der Betrieb kann das Angebot schneller abwickeln und spart Ressourcen, weil niemand vor Ort sein muss“, sagt Siegert. Die Stadtverwaltung soll es bei Bebauungsplänen einfacher haben und Rettungskräfte können bei Einsätzen eine schnelle Orientierung gewinnen.

Der Leiter des 3D-Druck-Zentrums in Soest, Jens Bechthold, überprüft die Druckqualität.
Der Leiter des 3D-Druck-Zentrums in Soest, Jens Bechthold, überprüft die Druckqualität. Foto: Fabian Wahl

In dem 3D-Druckzentrum an der Fachhochschule Südwestfalen versuchen der Leiter Jens Bechthold, wissenschaftliche Mitarbeiter und Studenten, aus dem 3D-Stadtmodell neben einem wirtschaftlichen auch einen privaten Nutzen zu ermöglichen. „Wir kommen ins Spiel, wenn jemand einen 3D-Druck bestellt“, sagt Bechthold. Hinter ihm sind eine Handvoll 3D-Drucker damit beschäftigt, verschiedene Teile zu drucken.

Der erste Großauftrag stammt von der Stadtverwaltung. Die Bestellung: Die gesamte Stadt als 3D-Druck. Die ersten Teile sind schon fertig. 40 einzelne Drucke sind nötig, um Soest als Ganzes zusammenzusetzen. „Damit testen wir die Geodaten und die Qualität des Drucks“, sagt Bechthold. Künftig soll es für die Stadtbevölkerung eine App geben, mit der sie einen 3D-Druck ihres Hauses, von Straßenzügen oder Stadtteilen bestellen können. Das könnte nicht nur für Modelleisenbahn-Fans interessant sein. Mit den Einnahmen sollen vor allem das Material und die Wartung gedeckt werden.

Vorteil für kleine Kommunen

Zurück im Stadtlabor kommt Stephan Siegert auf einen, den vielleicht wichtigsten Pluspunkt für kleine Kommunen zu sprechen, den man häufiger hören kann. Denn trotz aller Technologien kommt es am Ende auch auf das Persönliche und Zwischenmenschliche an. „Um etwas zu bewegen, sind die Voraussetzungen hier viel besser als in großen Städten“, ist Siegert überzeugt. „Wir können mit allen Beteiligten direkt sprechen.“ Jeden, der etwas in Soest bewegen wolle, kenne man persönlich.


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Titelfoto: Fabian Wahl

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