Grafik: in der unteren Hälfte Häuserfassaden, in dunklem Grün. Oben eine hügelige Silhouette. Ganz oben der Schriftzug Lemgo. Rechts an der Seite der Grafik steht der Hashtag Digitale Orte.

Lemgo Digital: Smarte Lösungen für die Mittelstadt

Jens-Peter Seick steuert sein E-Auto durch die schmalen Einbahnstraßen von Lemgo. Vor ihm schlängeln sich zwei Busse mühsam – beinahe schwerfällig – von Haltestelle zu Haltestelle. Seick ist Projektleiter von Lemgo Digital und befindet sich inmitten eines Reallabors – mit 40.000 Einwohnern. In Lemgo wird die vernetzte Mittelstadt der Zukunft erprobt. Seick weiß schon jetzt, wie sie künftig aussehen soll.

Im April 2018 ist Lemgo Digital gestartet. Die Projektleitung hat das Fraunhofer Institut IOSB-INA übernommen. Bis 2021 will man intelligente und smarte Lösungen für Alltagsprobleme entwickeln, die andere Mittelstädte übernehmen können. Die Fördermittel liegen bei fünf Millionen Euro. „Wir wollen am Beispiel von Lemgo den Aufbau und die Umsetzung von ,Internet of Things‘-Anwendungen für die Mittelstadt erproben und anderen zur Verfügung stellen“, berichtet Seick vom Fraunhofer Institut IOSB-INA. „Wir sind so etwas wie Multiplikatoren.“

Vernetzte Stadtbusse

Mobilität, Umwelt und attraktive Innenstadt. Diese Bereiche geht Lemgo Digital an. Die ersten Ideen sind bereits umgesetzt. Die Stadtbusse sind miteinander vernetzt und können sich gegenseitig orten. Fahrgästen wird angezeigt, ob sie ihre Anschlussbusse erreichen. Busfahrer können auf Basis der Echtzeit-Messung entscheiden, ob es sich lohnt, auf den Anschlussbus zu warten. „Die Theorie ist, dass die Busse nach ihrer Tour zur gleichen Zeit am zentralen Treffpunkt ankommen“, beschreibt Seick. Die Routen sind deshalb so angelegt, dass die Tour jeder Buslinie 15 beziehungsweise 30 Minuten dauert. „Die Praxis zeigt: Es funktioniert nicht immer.“

Übersichtskarte über die Buslinien in Lemgo und ihren aktuellen Standort
Übersichtskarte über die Buslinien in Lemgo und ihren aktuellen Standort. Foto: Fabian Wahl

Wer wissen möchte, wie die Verspätungen im ÖPNV zustande kommen, muss einmal durch die Innenstadt fahren. Die Busse befahren schmale, einspurige Straßen, oftmals Einbahnstraßen. Auf den gleichen Strecken suchen Autofahrer am Straßenrand nach freien Parkplätzen. Sie fahren deshalb automatisch langsam und verstopfen für Busse die Durchfahrt. „Dieses Problem haben viele Mittelstädte mit einer ähnlichen Verkehrsführung“, weiß Seick, am Steuer seines quirligen Wagens.

Parksystem mit Sensorik

In Lemgo soll das künftig anders sein. Das Mittel dafür: Ein intelligentes Parksystem mit Sensorik. Das System erkennt durch Sensoren auf den Parkplätzen, welche frei sind und leitet den Autofahrer, bestenfalls über das Navigationssystem, dorthin. Dort angekommen wird der Parkplatz über das System als besetzt markiert.

Wenn der Autofahrer beim Parkplatzprovider angemeldet ist, wird dieser per Chip oder GPS auf dem Parkplatz erkannt. Die Bezahlung erfolgt dann über eine per E-Mail versendete Monatsabrechnung. Parktickets sind dann Geschichte. Noch klingt es ein bisschen nach Zukunftsmusik. Doch, wenn es nach Seick geht, soll das Teilprojekt noch dieses Jahr starten.

„Es ist eine Win-Win-Situation für alle“, meint der Projektleiter. „Der Bürger muss nicht mehr nach einem freien Parkplatz suchen. Für die Stadt sind die Einnahmen höher, weil es weniger Schwarzparker gibt.“

Tradition und Innovation vereinen

In der alten Hansestadt Lemgo herrschen für die Erprobung von digitalen Lösungen optimale Bedingungen. Die Mittelstadt ist ein wichtiger Hochschulstandort. Außerdem haben sich Forschungsinstitute wie Fraunhofer und Technologieunternehmen hier angesiedelt.

Das Fraunhofer-Institut möchte beweisen, dass jahrhundertelange Tradition in Mittelstädten und Innovation kein Widerspruch sind. „In Lemgo wird alles abgedeckt, was eine Mittelstadt benötigt, aber nicht realisieren kann“, fasst Seick zusammen.

Auch in Großstädten wie München, Darmstadt oder Düsseldorf würden IoT-Lösungen erforscht. Diese seien aber nicht auf die über 180 Mittelstädte in NRW übertragbar. Als Beispiel führt Seick Unterschiede im ÖPNV an. Großstädte hätten oftmals eine Straßen- oder U-Bahn, während der Individualverkehr bestenfalls aus der Innenstadt herausgehalten werden soll. „Eine Mittelstadt kann sich eine Straßenbahn gar nicht leisten.“

Einzelhandel stärken

Einige Straßen außerhalb der Innenstadt treffen wir Sebastian Burchard, Geschäftsführer eines Unternehmens für Motorrad-Teile und -Zubehör. Burchard, 27 Jahre alt, hat den Kleinbetrieb vor wenigen Jahren von seinem Vater in der dritten Generation übernommen. Heute ist er in Lemgo ein Paradebeispiel für eine gelungene Digitalisierung.

Sebastian Burchard, Geschäftsführer der Motorrad Burchard GmbH in seinem Geschäft, hinter einem Motorrad stehend.
Sebastian Burchard, Geschäftsführer der Motorrad Burchard GmbH und Digitallotse bei Lemgo Digital. Foto: Fabian Wahl

„Wir wollen unser digitales Know-how weitergeben“, sagt Burchard, der sich als Digitallotse bei Lemgo Digital im Teilbereich „Attraktive Innenstadt“ engagiert. In Workshops diskutieren er und weitere Mitstreiter, wie sie den durch Online-Handel und Einkaufszentren unter Druck geratenen Einzelhandel und die Gastronomie stärken können.

Burchard hat es geschafft, seine Produktivität durch Automation erheblich zu steigern und online seine Sichtbarkeit zu erhöhen. „Es gibt so viele Ideen, die der Einzelhandel einsetzen könnte“, meint er. Burchard denkt etwa an Sensoren an den Eingangstüren, welche die Kundenströme messen. Daraus ließen sich Schlüsse ziehen, wann die meisten Kunden kommen und für welche Produkte sie sich interessieren. Die digitalen, in der Stadt installierten Werbetafeln könnten dann diese Produkte zur gegebenen Zeit ausspielen.

„Niemand muss mehr jammern“

Die PS-starken, vor Kraft strotzenden Chopper könnten sinnbildlich für Burchards ungebremste Motivation stehen. Er ist fasziniert von den Chancen der Digitalisierung. „Wenn wir in Lemgo die richtige Umsetzung schaffen, dann können wir richtige Erfolge haben und niemand muss mehr jammern.“ Aber naiv ist er nicht. Er weiß um die Skepsis der Einzelhändler. „Viele wollen sich zwar für die Zukunft aufstellen. Noch geht es ihnen aber zu gut.“

Seick fügt hinzu: „Wir stellen fest, dass die Digitalisierung an vielen Einzelhändlern vorbeigeht.“ Dennoch wolle man niemanden eine Technologie aufdrücken. „Das ist nicht zielführend.“ Deswegen sollen Einzelhändler, Gastronomen, städtische Mitarbeiter, Vereine und Großunternehmen gemeinsame Lösungsansätze erarbeiten.

Neben Digitallotsen soll es zunächst als Übersicht über die Geschäfte, Gastronomen und Angebote ein zentrales Stadtinformationssystem geben. Außerdem ist eine Lemgo-App geplant. Die Innenstadt soll ein Erlebnisraum werden. Dazu zählen auch digitale Werbeflächen, die nur mit lokalen Inhalten bespielt werden und auf Aktionen und Events hinweisen.

Schon jetzt kann Lemgo Digital auf drei Wegen Passantenströme messen und daraus Schlüsse ziehen: Erstens durch Bewegungen auf bereits installierten Webcams, zweitens durch Nutzung des offenen WLANs und drittens durch Sensoren in der Stadt.

Umwelt-Messstationen für Mittelstädte

Auch die Bereiche Umwelt und technische Infrastruktur treibt man in Lemgo voran. „Es gibt bislang keine Technologie, welche den Umwelt-Fingerabdruck in einer Mittelstadt messen kann“, sagt Seick.

Projektleiter Jens-Peter Seick vor einer der 20 Umwelt-Messstationen.
Projektleiter Jens-Peter Seick. Foto: Fabian Wahl

Zwischen Teststationen mit Kosten von etwa 400.000 Euro und einer privaten Wetterdatenstation klaffe eine große Lücke. Diese will man füllen. Ziel ist es, 20 Messstationen in Lemgo zu errichten, die unter anderem Licht, Luftqualität, Lautstärke und Feinstaub messen. „Wir müssen die aktuell emotionale Diskussion auf Faktenbasis führen“, ist sich Seick sicher.

Die Gewinnung von Daten, Fakten und Zahlen ist in allen Teilprojekten ein fester Bestandteil. Auch die technische Infrastruktur wird dazu genutzt. So sollen die 1.450 Fernmeldezähler mit LoRaWAN ausgestattet werden. Somit können Wärme-, Gas-, oder Wasserzählerstände per Funk übertragen werden.

Mitte 2021 laufen die Fördermittel für Lemgo Digital aus. Ein Ende des Projekts sieht Seick aber nicht. Dafür ist seiner Ansicht nach das Potenzial der Anwendungen viel zu groß.

Doch wie sieht es mit der Übertragung auf andere Mittelstädte aus? Andere Mittelstädte, die keinen Hochschulstandort haben? Andere Städte, die beim Buhlen um Innenstadtbesucher schon jetzt das Nachsehen gegenüber der benachbarten Großstadt haben? Andere Städte, die keine Fördermittel in Millionenhöhe haben? Sie hinken schon jetzt hinterher. Für sie ist es ein Wettlauf gegen die Zeit, damit ihre Innenstadt nicht zur Geisterstadt wird.

Seick sagt, es gebe ausreichend interessierte Mittelstädte. „Aber die Frage der Finanzierung ist noch nicht geklärt.“ Ohne eine Förderung durch Land, Bund oder EU werde es schwierig, räumt Seick ein. „Ich wünsche mir, dass man eine Lösung findet und in weiteren Städten Programme aufsetzt.“

 

Digitale Lösungen steigern die Lebensqualität in Städten und Gemeinden. Dies zeigen hierzulande bereits einige Beispiele. Unsere Blogserie #digitaleOrte stellt einige digitale Projekte auf kommunaler Ebene vor. Was sind die Vorteile dieser digitalen Lösungen? Welche Auswirkungen haben sie auf die Kommune? Wie nehmen die Bürgerinnen und Bürger die Projekte an? Wir gehen diesen Fragen in vier Kommunen nach. 

Lesen Sie auch den 1. Artikel unserer Blogserie #digitaleOrte:

Schwabmünchen: eine Stadt vernetzt sich mit Chips 

 

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