Grafik: in der unteren Hälfte Häuserfassaden, in dunklem Grün. Oben eine hügelige Silhouette. Ganz oben der Schriftzug Schwabmünchen. Rechts an der Seite der Grafik steht der Hashtag Digitale Orte.

Schwabmünchen: Eine Stadt vernetzt sich mit Chips

Das Projekt hatte seinen Ursprung in einem ständigen Ärgernis: Regelmäßig quillten in Schwabmünchen die Mülleimer der Hundetoiletten über. „Die Behälter waren oft überfüllt. Das sah schrecklich aus“, erinnert sich Michael Lodes. Heute sieht es nicht mehr schrecklich aus, sondern ungewohnt sauber. Der Mülleimer im Stadtpark ist leer und mit genügend Hundekotbeuteln bestückt – dank der Unterstützung der Bürgerinnen und Bürger.

Lodes arbeitet als Vermesser in der Verwaltung in Schwabmünchen und hat die sogenannte NFC-Technologie auf deren Bedürfnisse angepasst. Schwabmünchen hat alle 22 Hundetoiletten mit den NFC-Chips ausgestattet. Wenn die Mülleimer voll sind oder Kotbeutel fehlen, können die Bürgerinnen und Bürger dies direkt melden. Sie müssen nur ihr Smartphone an den Chip halten. Dann öffnet sich im Browser ein simples wie effektives Formular. Sobald ein Häkchen bei „Tüten fehlen“ oder „Behälter voll“ gesetzt wurde, wird der Baubetriebshof automatisch informiert. Der Name der Person wird nicht abgefragt.

Vorteile gegenüber QR-Code

Die lästige Suche auf der Homepage der Stadt nach einem Ansprechpartner und einer Telefonnummer sei vorbei, so berichtet es Lodes. „Stattdessen wird die Bevölkerung jetzt mitgenommen.“ Auch die Stadtverwaltung profitiert. „Früher sind wir zwei Mal pro Woche alle Stationen abgefahren“, erklärt Lodes. „Heute kommen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter quasi nur noch nach Meldung zur jeweiligen Station.“ Grundsätzlich funktioniere der Geldstück große NFC-Chip wie ein QR-Code, sei aber zusätzlich witterungsbeständig, in der Dunkelheit lesbar und mehrmals umzuprogrammieren.

Die gechippten Hundetoiletten waren im Frühjahr 2017 die Saat für eine Technologie, die sich immer weiter über das Stadtgebiet ausbreitet und permanent neue Anwendungsbereiche findet. So sind inzwischen rund 1.000 Laternen, 4.500 Bäume, 600 Hydranten, Kanäle, Friedhöfe und Spielplätze mit den Chips versehen. „Eigentlich eignet sich die Technologie für alle Objekte, die regelmäßig kontrolliert werden müssen.“

Eine Vorrichtung mit Tüten für Hundekot. Daran hängt ein NFC-Chip. Ein Smartphone wird an den Chip gehalten. Auf dem Smartphone erscheint die App von Eine Stadt.
Foto: Fabian Wahl

Im Vorfeld des Projekts hatte Lodes in seiner Freizeit mit einem Partner das Start-up namens Eine Stadt gegründet. Die 15.000 Einwohner-Stadt Schwabmünchen, einige Kilometer südlich von Augsburg gelegen, ist für sie nun eine Art Testlabor. Hier wird die privat entwickelte Technologie erprobt, erweitert, angepasst. Im Gegenzug erhält die Stadt die kostenlosen Nutzungsrechte für die Software. Die Kosten für die NFC-Chips – ein Euro das Stück – muss Schwabmünchen selbst tragen.

Kontrollgang per Tablet

Vom Stadtpark fährt uns Lodes mit dem Auto zu einem städtischen Spielplatz. Dort hat Thomas Bernert gerade das letzte Spielgerät mit einem NFC-Chip versehen. Unter der Federwippe aus Holz liegen noch die frischen Holzspäne. Bernert hat sich warm angezogen an diesem kühlen Morgen Ende November. Eine Kapuze bedeckt seinen Kopf. Er trägt nicht nur eine, sondern zwei grell orangefarbene Jacken. Auf dem Klettergerüst, vor dem Bernert inzwischen steht, liegen Schnee und Eis. Im Sommer toben hier die Kinder.

Damit das so bleibt, macht Bernert heute einen Kontrollgang auf dem Spielplatz. Früher arbeitete der gelernte Stadtgärtner mit Block und Stift jeden Punkt händisch ab. Heute hängt ihm ein Tablet um den Hals. Mit diesem scannt er nun den am Klettergerüst verschraubten NFC-Chip ein.

In seiner App öffnet sich eine Eingabemaske für das Klettergerüst. Bernert kann nun eintragen, dass er das Spielgerät geprüft hat oder auch auf Mängel hinweisen. In Echtzeit werden die Informationen  zentral im System der Stadtverwaltung gespeichert und weiterverarbeitet. „Schnell ein Spielgerät überspringen, das geht nicht mehr, da alle Spielgeräte einen Chip haben“, sagt Bernert.

Ein städtischer Mitarbeiter in orangener Jacke hält ein Tablet an den NFC-Chip an einem Klettergerüst
Thomas Bernert während eines Kontrollgangs auf einem Spielplatz. Das Tablet ist immer dabei. Foto: Fabian Wahl

Als Stadtgärtner ist er nicht nur für Spielplätze, sondern auch für den Baumbestand zuständig. Gemeinsam mit Lodes erinnert er sich noch daran, wie sie vor nicht allzu langer Zeit wegen Befalls  vermerkte Bäume anschließend suchen mussten. Dazu kam: Externe Unternehmen hielten die Daten auf andere Weise fest als die Stadt dies tut. „Die einen nutzten Buchstaben, die anderen Zahlen“, sagt Lodes. „Gelegentlich wurde sogar ein falscher Baum gefällt.“

Manche Chips nur für Stadtverwaltung tauglich

Durch die NFC-Chips können die befallenen Bäume nun präzise geortet werden. Bernert oder seine Kolleginnen und Kollegen werden direkt dorthin navigiert. Das erspart Zeit und verhindert unverzeihbare Fehler. Nicht alle Objekte sind mit einer Schnittstelle zur Bevölkerung versehen, darunter Bäume, Hydranten und Gullydeckel. „Ob und wann ein Baum gefällt wird, muss fachmännisch von der Stadt beurteilt werden“, sagt Lodes. Doch für die Bürger haben sie dennoch einen Nutzen. Die Chips geben Informationen über die Baumart preis, was wiederum Schulen für ihren Unterricht in der Natur nutzen.

Die neue Technologie hat in Schwabmünchen einiges erleichtert. „Die Nutzerinnen und Nutzer setzen mit ihrer Meldung gleich einen ganzen Workflow in Gang“, sagt Lodes, zu dessen Aufgabengebiet auch die Prozessoptimierung der Stadtverwaltung zählt. Wenn sie eine defekte Straßenlaterne meldeten, werde ein städtischer Mitarbeiter rausgeschickt. Dieser überprüfe die Meldung und übergebe per App den Auftrag per Klick an einen externen Dienstleister weiter. Dieser nutzt auch die Technologie und scannt vor Ort den NFC-Chip an der Laterne. Sobald er das Leuchtmittel gewechselt hat, gibt er den neuen Status bekannt. „Alle“, sagt Lodes, „arbeiten in einem System, um die Stadt sicherer und sauberer zu machen“.

Zeitaufwand halbiert

Der größte Zeitgewinn für die Verwaltung: Die lästige Übertragung der Daten auf den Computer im Büro entfällt. Früher hat die Kontrolle eines einzigen Baumes im Schnitt 25 Minuten gedauert, inklusive Anfahrt, Baumsuche und Datenübertragung. „Für jeden Baum gab es ein eigenes Blatt“, berichtet Stadtgärtner Bernert. Heute liegt man in Schwabmünchen bei zwölf Minuten.

Bernert und Lodes schwören auf die Technologie. Das merkt man ihnen an. Das Verb „chippen“ gehört inzwischen fest zum Wortschatz. Vermutlich fällt es in jedem zehnten Satz. Hast Du das schon gechippt? Müssen wir das noch chippen? Als Nächstes wollen wir (…) chippen.

Als Kleinstadt ist Schwabmünchen in vielen städtischen Aufgabenbereichen auf externe Dienstleister angewiesen. Zugleich muss die Behörde sicher gehen können, dass die Auftragnehmer die Aufgaben wie gerade aufwendige Kontrollen tatsächlich durchgeführt haben. An Hydranten und Gullydeckeln wurden die Chips von innen montiert, so dass der Kontrolleur den Hydrant erst aufschrauben bzw. den Gullydeckel abheben muss.

Controlling im Rathaus

Zurück im Rathaus hat Lodes den Überblick. Er hat eben ein Kartentool geöffnet, dass Kreise in Grün und Rot ausweist. Die grünen Kreise stehen für kontrollierte Objekte und rote Kreise für noch offene Aufgaben. Die meisten Kreise sind grün. Zudem macht die Software Analysen und Schlussfolgerungen möglich: Welche Hundetoilette wird häufig gemeldet? Muss hier eine weitere installiert werden? Von wem wurde die Station wann aufgesucht? Hat der externe Dienstleister seine Arbeit schon erledigt?

Die in Schwabmünchen geborene Idee hat inzwischen das Interesse anderer Gemeinden, Kommunen und Städte geweckt. Das nahe gelegene Adelsried hat bereits erste NFC-Chips im Einsatz. Weitere 15 Orte wollen nach Angaben von Lodes folgen. Auch größere Städte haben ernsthaften Bedarf angemeldet.

Digitale Lösungen steigern die Lebensqualität in Städten und Gemeinden. Dies zeigen hierzulande bereits einige Beispiele. Unsere Blogserie #digitaleOrte stellt einige digitale Projekte auf kommunaler Ebene vor. Was sind die Vorteile dieser digitalen Lösungen? Welche Auswirkungen haben sie auf die Kommune? Wie nehmen die Bürgerinnen und Bürger die Projekte an? Wir gehen diesen Fragen in vier Kommunen nach. 



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