Grafik: in der unteren Hälfte Häuserfassaden, in dunklem Grün. Oben eine hügelige Silhouette. Ganz oben der Schriftzug Betzdorf-Gebhardshain. Rechts an der Seite der Grafik steht der Hashtag Digitale Orte.

Betzdorf: Mit eigenem Breitbandnetz und „Dorffunk“ zum digitalen Ort

Im ersten Stock des neuen Living Labs in Betzdorf dreht die Düse des 3D-Druckers ihre Runden. Auf der anderen Seite des Raums wird man dank VR-Brille in eine andere Zeit oder an einen anderen Ort versetzt. Im Living Lab, ein Ankerpunkt der Stadt, wird sehr konkret, was das Projekt „Betzdorf Digital“ erreichen möchte: Mit den Bürgern die Verbandsgemeinde Betzdorf-Gebhardshain ins digitale Zeitalter führen.

„Wir möchten die Menschen fit für die Digitalisierung machen“, sagt Sarah Brühl, die das Projekt gemeinsam mit Sascha Hensel für die Verbandsgemeinde leitet. Mit „Menschen“ meint Brühl die gesamte Gemeinde – von Kita-Kindern bis Senioren, vom Fotoprojekt in der Kita bis zum Vortrag „Digitaler Nachlass“ in der Volkshochschule.

Projektleiterin Sarah Brühl blickt in einen 3D-Drucker.
Projektleiterin Sarah Brühl blickt in einen 3D-Drucker. Foto: Fabian Wahl

Kommune nimmt den Breitbandausbau selbst in die Hand

Betzdorf, gelegen zwischen Siegerland und Westerwald, teilt die Herausforderungen vergleichbarer Orte in ländlichen Regionen. Die Bevölkerung altert, junge Leistungsträger zieht es in die Großstädte und einige Traditionsunternehmen versäumen es, ihr Geschäftsmodell rechtzeitig an den Strukturwandel anzupassen. Rund 2.000 Arbeitsplätze sind in den vergangenen 15 Jahren verschwunden. Betzdorf will der Negativspirale etwas entgegensetzen.

Schon 2012 konnte es als erste Kommune in Rheinland-Pfalz ein eigenes Breitbandnetz bauen. „Wir haben unser Netz selbst gebaut“, sagt Hensel. Die Bürger können seitdem auf Bandbreiten mit einer Geschwindigkeit von 100 MBit/s zurückgreifen. Unternehmen können noch bessere Bandbreiten angeboten werden. Das Netz befindet sich im Eigentum der Regionalen Entwicklungsgesellschaft und wird an Netcologne als Betreiber vermietet. Für jeden Anschluss fließt Geld zurück an die Regionale Entwicklungsgesellschaft. Der Erstausbau kostete 2,2 Millionen Euro. Binnen 13 Jahren, davon geht Betzdorf aus, wird sich die Investition rentiert haben. Große Unternehmen konnten durch den Breitbandausbau überzeugt werden, ihren Standort in Betzdorf zu halten, wie Brühl und Hensel berichten. Somit ist die Digitalisierung in Betzdorf zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor geworden.

„Wir-Gefühl“ in Betzdorf

Seit 2015 nimmt Betzdorf-Gebhardshain als eine von drei Testregionen am Projekt „Digitale Dörfer“ teil. Unterstützt und wissenschaftlich begleitet vom Fraunhofer Institut für Experimentelles Software Engineering IESE, dem rheinland-pfälzischen Innenministerium und der Entwicklungsagentur Rheinland-Pfalz soll in Betzdorf ein neues „Wir-Gefühl“ entstehen.

Ein Schritt in diese Richtung ist das Nachrichtenportal Dorfnews. Seit 2017 tauschen sich darüber die Bürger aus, sowohl über eine Internetplattform als auch über die App „Dorffunk“. Bürgerreporter schreiben Beiträge über Veranstaltungen, Vereine kündigen Events an und die Stadt berichtet etwa über Aktionen der Jugendpflege. Es gibt auch einen Veranstaltungskalender. „Jeder kann hier mitschreiben“, sagt Brühl. Der Weg sei schneller und direkter als die Veröffentlichung durch Lokalzeitungen, weil die Teilnehmer direkt publizieren könnten.

Eingangsbereich des Rathauses in Betzdorf.
Eingangsbereich des Rathauses in Betzdorf. Foto: Fabian Wahl

Aus Nachrichten-App wird „Dorf in der Tasche“

Die App „Dorffunk“ wurde sukzessive erweitert und beinhaltet inzwischen viele Funktionen, welche den User-Gewohnheiten entsprechen. So beinhaltet „Dorffunk“ mit der Kategorie „Plausch“ eine Messenger-Funktion, über welche die Teilnehmer chatten können. Die Biete- und Suche-Rubrik funktioniert wie ein Kleinanzeigen-Portal. Bald soll es eine Rückmeldemöglichkeit für die Bürger an die Stadtverwaltung geben. Sarah Brühl bezeichnet die App als „Mein Dorf in der Tasche“.

Zugleich musste das Projektteam merken, dass nicht alle Ideen Früchte tragen, nicht alle in Betzdorf von den Vorteilen der Digitalisierung überzeugt werden können. Im Einzelhandel wollte man einen lokalen Bestell- und Lieferservice etablieren. „Wir fahren sehr viel auf dem Land, so dass etwa der Nachbar eine Bestellung oder Paket aus der Stadt mitnehmen kann“, beschreibt Brühl das Konzept.

In den beiden Apps „Bestellbar“ und „Lieferbar“ konnten Einzelhändler ihre Waren einstellen und anbieten. Die Bestellungen wurden dann verpackt und in der Anwendung aufgeführt. Bürger, die ohnehin in der Stadt waren, konnten dann eingeben, dass sie auf dem Rückweg das Paket beim Besteller abliefern.

Lokaler Bestell- und Lieferservice

„In der Testphase ist eine richtige Community von Personen im Alter über 60 Jahre entstanden“, berichtet Brühl. „Die soziale Komponente war sehr stark.“ 700 Mal wurden die Apps in der dreimonatigen Testphase heruntergeladen. 250 Bestellungen gingen ein. „Was besonders gut ging, waren lokale Erzeugnisse und Waren des täglichen Bedarfs wie Gemüse oder Backwaren“, ergänzt Hensel. Das Interesse war also vorhanden.

Letztendlich scheiterte das Projekt dennoch. Viele Einzelhändler stellten ihre Waren nach der Testphase nicht mehr in die App ein. „Die Einwände hießen ‚keine Zeit‘ und ‚kein Personal’“, sagt Hensel, der in „Bestellbar“ und „Lieferbar“ wirkliches Potenzial und viele Vorteile für den lokalen Einzelhandel gesehen hat. „Wir möchten aber auch niemanden zwingen.“

Living Lab als Treff- und Ankerpunkt

Umso mehr fokussiert man sich in Betzdorf nun auf das neue Living Lab, den Ankerpunkt für die Digitalisierung, welches im Frühjahr in der Einkaufsstraße offiziell öffnen soll. Das Projektteam um Sarah Brühl und Sascha Hensel zieht dann gemeinsam mit Jenny Müller von der städtischen Jugendpflege ein. „Bei uns können sich Jugendliche freiwillig austesten und ihre Freizeit hier verbringen“, sagt sie. „Die Jugendlichen müssen dort abgeholt werden, wo sie stehen. Die Lebenswelten haben sich verändert.“

Wie das gelingen kann, haben Jugendpflege, Schulen und Jugendliche schon mehrmals gezeigt. Mit dem Computerspiel Minecraft haben 15 Jugendliche im Alter von 12 bis 16 Jahren ein Modell von Betzdorf entworfen, wie es ihren Vorstellungen nach im Jahr 2050 aussehen soll. Unter anderem haben sie das wachsende Verkehrsproblem erkannt und eine Seilbahn hinzugefügt. Die Stadt wurde dann mit dem 3D-Drucker erstellt und dem Stadtrat präsentiert. „Dadurch konnten wir eine Bindung zur Stadt schaffen“, verrät Jugendpflegerin Müller. Zudem gibt es Robotik- und Programmierkurse und Angebote für Eltern.

Vom Kita-Kind bis zum Senior

Doch „Betzdorf Digital“ setzt früh an. Schon die Kitas wurden mit Digitalkameras ausgestattet. Die Aufgabe für die Kinder: Fotografiert eure Lieblingsorte in Betzdorf. Die Ergebnisse wurden in einer Fotoausstellung präsentiert.

Bei Schulprojekten soll künftig vermehrt die VR-Brille zum Einsatz kommen. Hiermit können die Schüler im Geschichtsunterricht historische Orte erkunden oder durch Partnerstädte von Betzdorf flanieren. Auch die Volkshochschule und Verbraucherzentralen sind involviert. Senioren erlernen mit Tablets umzugehen und verlieren ihre Sorge vor der für sie neuen Technik – Digitalisierung zum Anfassen.

 

Digitale Lösungen steigern die Lebensqualität in Städten und Gemeinden. Dies zeigen hierzulande bereits einige Beispiele. Unsere Blogserie #digitaleOrte stellt einige digitale Projekte auf kommunaler Ebene vor. Was sind die Vorteile dieser digitalen Lösungen? Welche Auswirkungen haben sie auf die Kommune? Wie nehmen die Bürgerinnen und Bürger die Projekte an? Wir gehen diesen Fragen in vier Kommunen nach. 

Lesen Sie auch die weiteren Artikel unserer Blogserie #digitaleOrte:

Die smarten Senioren in Elsoff
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