Grafik: in der unteren Hälfte Häuserfassaden, in dunklem Grün. Oben eine hügelige Silhouette. Ganz oben der Schriftzug Fürstenberg/Havel. Rechts an der Seite der Grafik steht der Hashtag Digitale Orte.

Verstehbahnhof: Digitales Lernen an Gleis 1

Daniel Domscheit-Berg kennt den Zugfahrplan von Fürstenberg/Havel auswendig. Wann die nächste Regionalbahn einfährt, aus welcher Richtung sie kommt und auf welchem Gleis sie hält, kann er alles auch ohne App abspulen. Denn Domscheit-Berg ist so eine Art Bahnhofsvorsteher in dem brandenburgischen Idyll. Mit Partnern hat er den einst verwaisten Provinzbahnhof übernommen und daraus eine Werkstatt für digitales Lernen gemacht – mit dem Namen Verstehbahnhof.

Aufnahme aus einer Drohne. Zu sehen ist in der Bildmitte das alte Bahnhofsgebäude, mit roter Fassade. Auf dem Parkplatz davor stehen ein paar Autos. Im Hintergrund ist ein See zu sehen sowie ein paar Wohnhäuser.
Der Verstehbahnhof in Fürstenberg/Havel. Foto: Sascha Schürmann.

Domscheit-Berg und seine Mitstreitenden haben es sich zur Aufgabe gemacht, Kindern und Jugendlichen digitale Kompetenzen zu vermitteln. Der Verstehbahnhof sei ein Pionierprojekt für die Region und eine große Spielwiese für Technik, sagt der 41-Jährige. Die offene Werkstatt stehe vor allem jungen Leuten zur Verfügung, die sich mit digitalen Technologien, Werkzeugen und allen möglichen Maschinen auseinandersetzen wollten.

Die Workshops, Projektwochen, Labs und offene Termine richten sich unter anderem an Grundschulkinder. Domscheit-Berg sagt, mit dem Angebot fülle man ein Vakuum. Technik und Digitalisierung sind seiner Meinung nach Themen, die in vielen Schulen noch stiefmütterlich behandelt werden. Auch die Ausstattung ist oft dürftig oder zumindest in die Jahre gekommen. „Es ist wichtig, dass Kinder nicht nur lernen, digitale Geräte zu benutzen, sondern vor allem auch sie zu verstehen“, sagt Domscheit-Berg. Außerdem müsse der Zugang allen zur Verfügung stehen, unabhängig vom Geldbeutel oder sozialen Hintergrund.

Digitaler Baumlehrpfad

Aktuell bieten sie für die Grundschule AGs und Projektwochen an. Für einen Baumlehrpfad im Ort werden neue Schilder benötigt, weil die bisherigen Beschriftungen nicht mehr lesbar sind.

Für die 42 Bäume gibt es jeweils einen Paten. Darunter sind Rien (12) und ihre Schwester Rana (11). Sie sitzen am Computerbildschirm und gestalten den Aufdruck für das Schild.

Daniel Domscheit-Berg und die beiden Geschwister Rien und Rana sitzen am Computer und entwerfen die Beschriftung für die Baumscheiben. Foto: Sascha Schürmann

Rana ist Patin einer Schwarzkiefer. Im Internet sucht sie sich die lateinische Bezeichnung sowie die Übersetzung in mehrere Fremdsprachen heraus. Im nächsten Schritt erstellt sie einen QR-Code, der zum passenden Wikipedia-Eintrag verlinkt. Dann legen sie eine Baumscheibe, die als Beschilderung dienen soll, in den Lasercutter und setzen den Druckprozess in Gang. Rana und Rien  finden es spannend, am Computer zu experimentieren.

Domscheit-Berg will mit der Herangehensweise erreichen, dass die Kinder auf diesem Weg einen anderen Bezug zur Natur und der Technik finden. „Wir versuchen auch sehr stark, interdisziplinär zu arbeiten“, erzählt er. Man sitze nicht nur vor dem Computer, sondern schaffe Lösungen für Umwelt und Natur im ländlichen Raum. Die Nachfrage in dem 6.500-Einwohner-Ort ist jedenfalls so groß, dass der Förster mit dem Sägen der Scheiben gar nicht hinterherkomme.

Eine Kinderhand hält eine Baumscheibe hoch. Darauf die Inschrift "Schwarzkiefer" und darunter "Pina Negra". Weiter darunter befindet sich ein QR-Code
Foto: Sascha Schürmann

Aus altem Bahnhof wird ein Anziehungspunkt

Für das Projekt Verstehbahnhof wurde der Bahnhof komplett umgekrempelt. In den mittleren Räumlichkeiten befindet sich die Werkstatt. Aus der Bahnhofsvorhalle ist eine Veranstaltungshalle geworden. Auf der anderen Seite der Werkstatt hat sich ein Bahnhofscafé etabliert. Und im ersten Geschoss ist eine WG eingezogen. Auch ein Wohnzimmer und eine Küche werden hergerichtet, um einen Coworking-Space zu etablieren.

Der Ort ist strategisch gut gelegen. Es gibt eine Zuganbindung mit einer Direktverbindung nach Berlin. Außerdem zieht der Verstehbahnhof immer wieder neugierige Blicke von Reisenden auf sich. Natürlich hätten die Werkstatt und das Café eine ganz andere Wirkung als ein leer stehender Bahnhof, in dem überhaupt nichts passiere, findet Domscheit-Berg.

In der Werkstatt können Kinder und Jugendliche mit 3D-Druckern und Lasercuttern experimentieren und für Bastelprojekte ein großes Lager an Teilen nutzen. Darunter sind fischertechnik, ausgeschlachtete Computer, Calliope Mini und andere Mikrocontroller. Auf den Tischen liegen Kabelreste, Klemmen, Steckkarten. Von so einer Ausstattung können Grundschulen nur träumen.


Filmische Eindrücke aus dem Verstehbahnhof in Fürstenberg/Havel. Sie sind Teil eines Smart-Country-Films aus vier digitalen Orten, der demnächst veröffentlicht wird.


 

Standort als Jugend-hackt-Lab

Neben den Terminen wie offene Werkstatt, Repariercafé, Workshops und weiteren Projekten ist der Verstehbahnhof auch einer von bundesweit zwei Jugend-hackt-Standorten. Im Unterschied zu Hackathons bieten Labs als feste Standorte ein regelmäßiges Angebot für die lokale Jugend-hackt-Community. Domscheit-Berg hat festgestellt, dass Kinder, die viel programmieren, oft auf sich alleine gestellt sind. Mit dem Programm wolle man dem entgegenwirken.

Zum vergangenen Lab-Treffen kamen 11 Jugendliche zwischen 12 und 18 Jahren aus der Umgebung und Berlin nach Fürstenberg/Havel, um Umweltsensoren zusammenzubauen und zu programmieren. Jugendliche und junge Leute sollten sich gegenseitig helfen und voneinander lernen, sagt Domscheit-Berg. Eine „Frontalbeschallung“ durch Erwachsene sei nicht zielführend.

Daniel-Domscheit-Berg sitzt mit einem Laptop auf den Knien auf einem alten Sessel am Gleis des Bahnhofs, dem heutigen Verstehbahnhof. Unter dem Bahnhofsschild mit der aufschrift "Fürstenberg/Havel" ist noch ein großes Schild mit der Aufschrift "Jugend hackt".
Der Verstehbahnhof ist eines von bisher zwei Jugend-hackt-Labs in Deutschland. Foto: Sascha Schürmann.

Die hergestellten Umweltsensoren können in Fürstenberg/Havel den Verkehr zählen, die Lärmbelastung festhalten und den Feinstaub messen. Einige sind bereits im Einsatz. Durch Solarmodule funktionieren sie autark. Die Kosten seien gering. „Keine Behörde muss mehr einen Mitarbeiter abstellen, der an der Kreuzung im Ort die Autos zählt“, so Domscheit-Berg.

Schließlich hat Fürstenberg/Havel eins mit vielen anderen Kommunen in Deutschland gemein. Der Ort liegt direkt an einer Bundesstraße. Statt über eine Ortsumgehungsstraße wird der Verkehr mitten durch die Stadt geleitet. Unter Lastwagenfahrern ist die B96 besonders als Abkürzung zur Ostsee beliebt. „Im Vergleich zur Fahrt über die Autobahn sparen sie etwa 20 Minuten“, schätzt Domscheit-Berg.

Daten ersetzen Bauchgefühl

Eigentlich sollen eine Geschwindigkeitsbegrenzung mit Tempo 30 und eine Fußgängerampel die Geschwindigkeit drosseln. Gefühlt bringt das für viele Bürger in dem Ort aber keine ausreichende Verbesserung. „Wir möchten nicht mehr alle auf unser Bauchgefühl hören, sondern richtige Daten als Grundlage nehmen“, sagt Domscheit-Berg.

Nächste Einsatzmöglichkeit der Umweltsensoren: Der Badestrand am See. Hier sollen die Lufttemperatur, die Wassertemperatur, die Lichtstärke und die Luftfeuchte erfasst werden. Auf den hohen Türmen einer alten Kraftfuttermischanlage will man Antennen errichten, von wo die Daten der Umweltsensoren per LoRaWAN über weite Strecken verteilt werden können. Und auch Internet soll hierüber verbreitet werden. Geplant ist ein neues Rechenzentrum mit einer beliebig skalierbaren Internetverbindung. Für WLAN und LoRaWAN soll es dann eine flächendeckende Abdeckung geben.

Derzeit stemmt der gemeinnützige Verein hinter dem Verstehbahnhof – abgesehen von Fördermitteln aus Ausschreibungen und vom Land – alles alleine. Die Stadt ist noch nicht richtig involviert. „Wir wollen das Projekt erst mal ans Laufen bringen“, sagt Domscheit-Berg. Man beginne auf niedriger Ebene. „Es wächst alles ganz natürlich.“

 

Lesen Sie auch die weiteren Artikel unserer Blogserie #digitaleOrte:

Hennef: Freie digitale Netze für alle
Betzdorf: Mit eigenem Breitbandnetz und „Dorffunk“ zum digitalen Ort
Die smarten Senioren in Elsoff
Schwabmünchen: eine Stadt vernetzt sich mit Chips 
Lemgo Digital: Smarte Lösungen für die Mittelstadt

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieser Artikel ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.


Sie möchten keinen Beitrag verpassen?
Abonnieren Sie hier unseren Newsletter:


Kommentar verfassen