Grafik: in der unteren Hälfte Häuserfassaden, in dunklem Grün. Oben eine hügelige Silhouette. Ganz oben der Schriftzug Amt Hüttener Berge. Rechts an der Seite der Grafik steht der Hashtag Digitale Orte.

Amt Hüttener Berge: Die Digitalisierung des Trampens

Wer im Amt Hüttener Berge abends mit dem Bus in die nächste Stadt möchte, bleibt auf der Strecke. „Der öffentliche Personennahverkehr kommt ab 18 Uhr zum Erliegen“, bringt Amtsdirektor Andreas Betz das Problem auf den Punkt. Dabei ist das Amt in Schleswig-Holstein mit seinen 20.500 Hektar Fläche eigentlich auf eine gute Anbindung angewiesen. Ein Mobilitätsportal soll die Lücke schließen und die Einwohnerinnen und Einwohner wieder flexibler machen.

Luftaufnahme aus dem Amt Hüttener Berge. Im Vordergrund ist ein größeres Gebäude mit ein paar PKWs davor. Im oberen Teil des Bildes ein Fluss mit einem Frachtschiff.
Luftaufnahme aus dem Amt Hüttener Berge. Foto: Sascha Schürmann.

Im Amt Hüttener Berge ist man weite Wege gewohnt: Die einzelnen 16 Gemeinden verteilen sich großflächig auf das weite Amtsgebiet, in dessen Mitte der Wittensee liegt. Zwischen Wohnort und dem nächsten Hofladen, Arzt oder Behörde liegen oft mehrere Kilometer. Bis zur nächsten Stadt Eckernförde an der Ostsee sind es schon elf Kilometer. Für Menschen mit Führerschein und Auto ist das kein Problem. Für Menschen ohne Auto oder Führerschein, darunter viele Jugendliche und Seniorinnen und Senioren, ist das eine Herausforderung.

Mit dem Bürgerbus über das Land

Als Alternative zum öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) hat das Amt Hüttener Berge ein eigenes Beförderungskonzept initiiert. „Die Gemeinden wollen attraktiv bleiben. Deshalb müssen wir Eigeninitiative ergreifen und haben somit ein Mobilitätsportal erschaffen“, sagt Betz. In dem Portal, dessen Prototyp in einer ersten Version fertig ist, werden neben dem ÖPNV die Verkehrsangebote des Amtes aufgeführt: Bürgerbus, zwei leihbare E-Autos und eine private Mitfahrmöglichkeit.

Der Bürgerbus fährt die einzelnen Orte wie Bünsdorf, Sehestedt, Haby oder Holtsee zwei Mal pro Woche ab und bringt die Mitfahrenden nach Eckernförde. Aktuell geschieht dies noch per Anruf , bald per Mausklick im neuen Mobilitätsportal. Gesteuert wird das Fahrzeug von Ehrenamtlern. Auch ein Verein ist beteiligt.

Neben dem Bürgerbus gibt es zwei leihbare E-Autos. Während die Menschen in Ballungszentren und Metropolen wie Berlin, Köln oder Frankfurt zwischen verschiedenen Carsharing-Anbietern wählen können, meiden Car2Go, DriveNow und Co. ländliche Regionen. Im Amt Hüttener Berge wurden deshalb eigene E-Autos mit dem Namen Dörpsmobil angeschafft.

Ein ausleihbares Dörpsmobil fährt auf der Straße. Es ist blauweiß. Die Straße sieht man in der Aufnahme nur verschwommen.
Die beiden ausleihbaren Dörpsmobile werden im Amt Hüttener Berge gut angenommen. Foto: Sascha Schürmann.

Eine begeisterte Nutzerin ist Andrea Kaulmann, die im Amt wohnt und beim Amt arbeitet. Sie sagt, dass das Dörpsmobil durchaus ihr eigenes Auto ersetzen könnte. „Das Dörpsmobil nutze ich, weil ich flexibel buchen kann“, erzählt sie. Darüber hinaus lerne sie Leute kennen und sei umweltfreundlich unterwegs.

Mitfahrgelegenheit per Mausklick

Leute lernt sie kennen, wenn sie jemanden von unterwegs mitnimmt. Dafür wurden an mehreren Orten im Amt Mitfahrbänke postiert. Seniorinnen und Senioren, die in den nächsten Ort möchten, nehmen dort Platz und ziehen einen an der Bank verankerten Schieber heraus. Später sollen sie die private Mitfahrt auch über das Mobilitätsportal abwickeln können.

Amtsdirektor Andreas Betz an der Mitfahrbank. Er hält die rechte Hand an ein Schild mit der Abkürzung ECK für Eckernförde. Darüber ist ein blaues Schild mit der Aufschrift "Nimm mich mit!".
Amtsdirektor Andreas Betz an der Mitfahrbank. Foto: Sascha Schürmann.

Mit dem Mobilitätsportal will das Amt Maßstäbe setzen und andere Kommunen zum Nachahmen motivieren. „Hüttis digitales Mobilitätsportal soll natürlich anderen Kommunen im Land Schleswig-Holstein oder auch darüber hinaus zur Verfügung gestellt werden“, sagt Betz. Die Nachnutzung für andere werde großgeschrieben und man hoffe, dass sich viele anschließen.

Betz findet, dass einigen Kommunen der Weitblick fehlt. Viele beschränkten sich bei der Digitalisierung auf den Punkt eGovernment, weil die Rathäuser dazu verpflichtet würden. Im Amt Hüttener Berge ist die elektronische Verwaltung hingegen nur eine von drei Säulen. Als zweite und dritte Säule kommen die digital unterstützte Daseinsfürsorge, darunter das Mobilitätsportal, und die digitale Infrastruktur wie eine leistungsstarke Breitbandanbindung dazu.

Digitale Agenda mit Bürger*innen entwickelt

Das Amt hat sich 2017 eine umfassende Digitale Agenda gegeben. Dabei wurden die 14.500 Einwohnerinnen und Einwohner aktiv mit einbezogen. Viele Ideen, die das Amt jetzt angeht, stammen aus Umfragen oder einem der Workshops. Der Bürgerbus wurde beispielsweise angeschafft, nachdem viele Bürgerinnen und Bürger die Anbindung der Dörfer an die Städte als dringendes Ziel ausgegeben hatten.

„Mit der digitalen Agenda und der digitalen Werkstatt wollen wir uns zur digitalen Region entwickeln“, sagt Betz. In der digitalen Agenda wurden zehn Handlungsfelder verankert: Digitale Infrastruktur, Wirtschaft, Nachbarschaft, Mobilität, Tourismus, Gesundheit, Verwaltung, Bürgerbeteiligung, Bildung sowie Kultur und Freizeit. Seit August vergangenen Jahres werden die einzelnen Bereiche durch konkrete Angebote nach und nach mit Leben gefüllt. Die Phase wird digitale Werkstatt genannt.


Filmische Eindrücke aus dem Amt Hüttener Berge. Sie sind Teil eines Smart-Country-Films aus vier digitalen Orten.

 


Alle Angebote sollen in einem zentralen Bürgerportal aufgehen, das über die Homepage des Amtes zu erreichen ist. Im Bereich digitale Bürgerbeteiligung kann man Initiativvorschläge einreichen, an Umfragen teilnehmen, Mängel wie Schäden oder Störungen melden oder über den Bürgerhaushalt mit abstimmen.

Die Initiative „Kauf im Dorf“ möchte den regionalen Handel stärken und zugleich eine bessere Versorgung vor Ort erreichen. In der Rubrik können Kunden online Bestellungen in verschiedenen Geschäften aufgeben und sich die Produkte zu einem zentralen Depot oder nach Hause liefern lassen.

Digitalisierung ab der Grundschule

Ein weiteres Beispiel: Bildung. Auch hier will das Amt investieren. Jede Grundschule wird mit einem Computerlabor ausgestattet, in dem jeder Schüler einer Klasse für gewisse Zeit ein Gerät auf dem aktuellen technologischen Stand nutzen kann. Ab der 2. Klasse soll jeder Schüler ein Tablet erhalten und auch eScreens sollen als Ergänzung zur klassischen Tafel installiert werden. Eltern sollen ihre Kinder elektronisch zur Schule anmelden und die Zeugnisse werden digital erstellt.

Amtsdirektor Betz und seine Kollegen im Amt Hüttener Berge haben aber auch merken müssen, dass eine Mammutaufgabe wie die ganzheitlich abgestimmte Digitalisierung eines Amtes mit den personellen Mitteln nicht alleine realisierbar ist. „Die eigenständige Umsetzung überfordert unser Amt und unsere Gemeinden jedoch“, hieß es in einem ersten Zwischenfazit. So wird das Amt von einer Consulting-Firma, die sich auf die Digitalisierung von Kommunen spezialisiert hat, unterstützt. Schließlich sollen auch der Kreis und das Land noch aktiver mit eingebunden werden.

Lesen Sie auch die weiteren Artikel unserer Blogserie #digitaleOrte:

Verstehbahnhof: Digitales Lernen an Gleis 1
Hennef: Freie digitale Netze für alle
Betzdorf: Mit eigenem Breitbandnetz und „Dorffunk“ zum digitalen Ort
Die smarten Senioren in Elsoff
Schwabmünchen: eine Stadt vernetzt sich mit Chips 
Lemgo Digital: Smarte Lösungen für die Mittelstadt

 

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