Silicon Vilstal: Wie das Land und Start-ups zusammenwachsen

Helmut Ramsauer und Josef Graf schlendern über den Hof, um in einer Scheune vor einer Palette mit neuem Futtermittel Halt zu machen. Früher musste Landwirt Graf aufwendig Angebote einholen, um die gewünschte Menge geliefert zu bekommen. Heute funktioniert alles mit wenigen Mausklicks. Die gemeinnützige Initiative Silicon Vilstal im Süden von Landshut hat den Landwirt mit einem Start-up zusammengebracht – und somit in die Digitalisierung geführt.

Das Programm, das sich Silicon Vilstal und Ramsauer als einer der Mitstreiter ausgedacht haben, heißt „Bauer sucht Start-up“. „Wir wollen hier in der Region ganz authentisch digitale Innovationen vorantreiben“, sagt der 54-jährige Ramsauer. Gewerbetreibende und Unternehmen aus der Region sollen mit Start-ups an digitalen Lösungen arbeiten. Die Verbindung stelle die ehrenamtlich arbeitende Mitmach-Initiative her. Man sehe sich als ein Sparringspartner für Start-ups, erklärt Ramsauer. Oft hätten diese bereits eine Idee im Hinterkopf und würden ihren Prototypen als Realpiloten im Vilstal testen. So war es auch bei Landwirt Graf.



Eigentlich keine Zeit

Ramsauer und Graf kannten sich bereits, als Ramsauer mit dem Kontakt zu einem Start-up aus München an Graf herantrat. „Wir hatten in der Zeit viel zu tun und ich war eher skeptisch“, schildert Graf, der in der Agrar-, Tier- und Forstwirtschaft aktiv ist. „Meine Frau war diejenige, die sagte, wir könnten uns für Innovationen in der Landwirtschaft öffnen.“

Zwei Mitglieder des Start-ups kamen für zwei Tage in einer leer stehenden Lehrlingswohnung auf Grafs Hof unter. „Schaun mer mal, wie das wird“, habe er anfangs noch gedacht, sagt Graf. Doch bereits am ersten Abend sei eine Verbindung entstanden. Die zwei Gäste und Graf, der den Hof in Niederbayern in der dritten Generation übernommen hat und seit 1980 führt, saßen zusammen am Esszimmertisch. „Es waren junge, nette Leute, die etwas in der Landwirtschaft bewegen wollen, damit wir im ganzen Handel besser klar kommen.“

Der Hof von Josef Graf liegt in Geisenhausen.
Der Hof von Josef Graf liegt in Geisenhausen im Vilstal. „Früher hat man noch Faxe weggeschickt“, sagt Graf. Foto: Fabian Wahl

Das Start-up hatte bereits lange Zeit an der Idee gearbeitet. Erste Schritte waren eingeleitet. Auf Grafs Hof wollten sie erfahren, inwieweit ihre Idee auch praxistauglich ist. Das Start-up plante eine Plattform, über die Landwirte den Ein- und Verkauf zentral abwickeln können. Damit stießen sie bei Graf auf offene Ohren.

Mausklicks ersetzen das Fax

Der Einkauf von Tierfutter, Düngemittel oder Pflanzenschutzmittel hatte sich in den letzten Jahren immer mehr zu einem mühseligen, bürokratischen und vor allem zeitaufwendigen Prozedere entwickelt. „Früher hat man Faxe weggeschickt. Jeder hat etwas anderes aufgeschrieben, so dass man schwer vergleichen konnte“, erinnert sich Graf. Dazu kam die aufwendige Dokumentation, die er gesondert aufbereiten musste. Jeder einzelne Einkauf muss für das Finanzamt festgehalten werden. Dazu sei das Pokern und Feilschen einzelner Händler gekommen. „Das hat mich die ganze Zeit als Landwirt schon gestört.“

Josef Graf berichtet über die sehr persönliche Zusammenarbeit mit dem Start-up. Foto/Audiogramm: Fabian Wahl

 

Mit der Plattform stellt Graf nun regelmäßig seine Bedarfe ein. Anschließend gehen dort fünf, sechs Angebote ein, aus denen Graf dann auswählt. „Wir haben dem Start-up die Sicherheit gegeben, dass die Anwendung wichtig ist“, sagt Graf. Er habe nun mehr Zeit, um die Tiere zu pflegen, und mehr Zeit, die er mit der Familie verbringen könne.

Wenn Ramsauer auf die Arbeit seiner ehrenamtlichen Mitmach-Initiative angesprochen wird, nimmt er gerne Graf als Beispiel für ein erfolgreiches Projekt. Dabei ist „Bauer sucht Start-up“ nicht allein auf Landwirte beschränkt. Das Kernteam von Silicon Vilstal ist regional verwurzelt, stammt von dort oder lebt schon lange dort. „Wir möchten zeigen, dass in ländlichen Regionen ganz selbstverständlich tolle, innovative Themen vorangetrieben werden können“, sagt Ramsauer.


Nicht jede Idee passt zur Region

Die digitale Lösung solle helfen, das Leben einfacher zu machen. Sie sei aber kein Selbstzweck. Dazu gehört auch, dass sich manche Ideen nicht durchsetzen – zumindest nicht im Vilstal. Ramsauer berichtet von einem weiteren Start-up aus München, das eine App für Bäckereien und Pendler entwickelt hat. Die Idee: Pendler geben ihre Bestellung darüber ab und zahlen auch darüber. Beim Bäcker müssen sie dann nur noch reinspringen, um die bereit liegenden Brötchen, Kuchen oder Brote mitzunehmen. Das spart Zeit.

„Wir haben hier eine Bäckerei gesucht, die mitmachen will“, erzählt Ramsauer. „Wenn man nicht akademisch daherkommt, sondern etwas praktisch mit erlebbaren Nutzen zeigt, dann sind die meisten offen dafür.“ In diesem Zusammenhang spricht Ramsauer auch häufig von Augenhöhe. So habe man auch hier eine Bäckerei finden können, die für den Praxistest bereitstand.

Inzwischen sei die Anwendung bundesweit im Einsatz, nur nicht mehr im Vilstal. „Die Hauptklientel ist noch konservativ und steht lieber in der Schlange“, sagt Ramsauer. „Dann muss man es nicht durchdrücken.“ Einen Lerneffekt habe es dennoch gegeben.

Ramsauer wohnt wie Landwirt Graf in Geisenhausen. Von seiner Terrasse aus hat er einen weiten Blick über die Region, eine ländlich geprägte Region. Hier gibt es viel Platz, viele Felder, große Grundstücke mit Gärten. Dort stehen häufig Obstbäume. So ist es auch im Garten von Daniela Hunger, die aus dem benachbarten Kumhausen kommt. Sie ist selbst eine Art Mini-Start-up.

Aus Hobby entsteht ein Mini-Start-up

Bei Familie Hunger war Marmelade kochen schon immer Tradition. Daraus wollte die zweifache Mutter mehr machen. „Das Obst fällt von den Bäumen, ohne dass es jemand aufnimmt. Der Anblick hat mir wehgetan“, berichtet sie. Das Obst sollte weiterverwendet werden, indem sie es entgegennimmt und zu Fruchtaufstrich einkocht.

Vor zwei Jahren hat sie sich den Namen Obstfee gegeben und stieß bei der Suche nach der richtigen Positionierung auf die Initiative Silicon Vilstal. Kurze Zeit später stellte sie ihre Idee auf einem Stand beim Mitmachfestival vor, welches die Initiative jährlich veranstaltet. Dort gibt es Vorträge, Kurse, Workshops und Mitmachaktionen für Jung und Alt. Schwerpunkte sind die Themen Innovation, Gründergeist und Kreativität.

„Das Mitmachfestival ist für Start-ups gut, weil man nicht verheizt wird“, sagt Hunger. „Man darf sich präsentieren, in einer sehr angenehmen Atmosphäre und kann gut dazulernen.“ Nach dem Festival sei es mit ihrem Projekt weiter aufwärtsgegangen. Mehrere Menschen meldeten sich bei Hunger, um ihr Obst abzutreten.

Bundesweite Partner gesucht

In einem Radius von 25 Kilometern sammelt sie Obst und verkauft den Fruchtaufstrich. „Bei uns wachsen Kiwis und Weintrauben. Ich brauche keine Kirschen aus der Türkei einführen, um Marmelade zu erstellen.“ Ein Online-Shop dient als Schaufenster. Auf Instagram vermarktet sie ihre Produkte. Ihr Ziel sei es nicht, etwa auch nach Hamburg zu liefern, auch wenn man mal eine Ausnahme mache. Vielmehr versucht sie, ihr regionales Vermarktungskonzept bundesweit zu etablieren. Dafür sollen sich auch an anderen Orten in Deutschland Obstfeen finden, die in ihrer Region aus Obst Fruchtaufstrich machen. So könne man die Artenvielfalt vor Ort sichern.

Obstfee Daniela Hunger schreibt auf ihrem Tablet-PC.
Obstfee Daniela Hunger kocht und vertreibt Fruchtaufstrich aus der Region. Foto: Fabian Wahl

Hunger hat einen Weg ohne Risiko gewählt. „Ich habe ein Handy und ein Tablet. Darüber funktioniert alles“, sagt sie. Bei Instagram müsse sie lediglich ihre Zeit investieren. Auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin gewann sie für ihre Idee im Bereich Innovation den dritten Platz.

Ramsauer und seine Mitstreiter vom Silicon Vilstal vernetzen eine ganze Region. Viele Menschen, Organisationen, Firmen und Kommunen machen mit. Sie entdecken gemeinsam, was man mit der Digitalisierung erreichen kann. „Wir sind ganz bescheiden. Was wir bewirken, sind viele kleine Veränderungen, vielleicht auch ein Wandel im Denken über Digitalisierung“, sagt Ramsauer.




Kommentare

  1. / von Wolfgang Wähnke

    dass die Landwirte schon lange digitalisiert arbeiten, haben wir schon vor über 10 Jahren in einem Gespräch mit dem bayerischen Landkreistag erfahren, als uns erklärt wurde, dass alle EU-Förderungen digital beantragt werden müssen

    1. / von mwiedemann
      zu

      Die Landwirtschaft ist sicherlich ein Bereich, in dem schon vieles digitalisiert ist. Davon durften wir uns vor gut 3 Jahren auch selbst überzeugen. Dazu haben wir einen kurzen Film gedreht.
      https://www.youtube.com/watch?v=qd-76D1I5BE&list=PLxyQdUGjPEsFphLGlNHggcLszAh0C4eFO&index=18

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