Ein Mann steht auf einem Berg. Die Kameria filmt ihn von hinten. Er schaut aus der Ferne auf eine Stadt. Die Sonne geht gerade unter und die Sonne strahlt noch einmal kräftig.

Wenn ich Bürgermeister wäre: Meine Vision eines dritten Ortes

Ich habe gestern mal einen Zettel aufgehängt: „Es ist wieder Schwarmzeit. Aber meist komme ich zu spät, um den Bienenschwarm wieder einfangen zu können. Deshalb suche ich ImkerInnen, die ein digitales Frühwarnsystem in ihre Stöcke einbauen wollen. Bitte kurz melden, dann können wir uns hier im Haus treffen.“

Ein dritter Ort, wie ich ihn mir wünsche

Der Zettel hängt am schwarzen Brett im Haus der Zukunft. Ich bin öfter hier. Der Kaffee ist lecker, das Zeitschriftenregal gut gefüllt. Das wäre sonst sehr teuer, all diese tollen Zeitschriften selbst zu abonnieren. Für Freitag steht der Workshop „Wie gestalten wir unseren öffentlichen Garten?“ an.  Das ist immer nett, wenn Menschen, die etwas besonders gut können, darüber berichten oder Workshops machen. Wir waren hier auch schon in New York – zwar nur mit der virtuellen Brille, aber seitdem haben die Betreiber eine kleine „digitale Tourismusagentur“ eingerichtet. Die zwei Brillen sind fast immer im Einsatz. Letztens gab es auch eine Simulation zum Klimawandel zu sehen. Wenn einem das Wasser mit der virtuellen Brille bis zum Hals steht, wird der Ernst der Lage fast greifbar. Und ein Architekt hat mit einer 3D-Präsentation die Neugestaltung des Marktplatzes gezeigt. Man konnte mit der Brille den neuen Marktplatz begehen. Das war ein Riesenspaß. Mittlerweile kenne ich ziemlich viele unterschiedliche Menschen aus unserem Ort. Manchmal komme ich und setze mich an den Tisch der Digital-Lotsen. Oft kommen ältere Menschen und wollen sich etwas am Smartphone oder Tablet zeigen lassen.  Ach, ich fühle mich einfach wohl hier und immer kommen neue Gesichter durch die Tür.

Eine Stadt ohne dritten Ort

Der Ort, in dem ich mir vorstelle, Bürgermeister zu sein, hat 30.000 Einwohner*innen und noch keinen Ort wie den eben beschriebenen. Er ist wirtschaftlich geprägt vom Mittelstand. Es gibt einige Vereine im Kulturbereich sowie Institutionen der Zivilgesellschaft. Vor 20 Jahren wurde eine Fußgängerzone mit Filialen und ortsansässigen Geschäften eingerichtet. Da war richtig was los. Heute hat sich das Bild geändert. Ein-Euro-Läden, ein Sanitätshaus, Wollladen, Bäckerei und Apotheke sind noch neben ein paar anderen Läden da. Das Möbelhaus hat geschlossen. Auch gibt es mittlerweile Leerstand. Im Sommer trifft man sich im Eiscafé, im Winter nirgendwo. Auf dem Marktplatz treffen sich Menschen, die bereits früh alkoholisiert sind. Die VHS macht seit Jahren die gleichen Kurse, in der Bibliothek werden die Öffnungszeiten auch kürzer. Im Jugendzentrum dreht sich der Kicker heiß. Aus der Eckkneipe ist ein Dönerimbiss geworden. Das öffentliche Leben ist auf dem Rückzug. Die Menschen gehen zur Arbeit und nach Feierabend höchstens mal in ihr Vereinslokal. Öffentliche Räume für alle gibt es nicht mehr. Frust beherrscht die Politik.

Und dann kommen die Anforderungen: Wir müssen der Landflucht begegnen und den digitalen Wandel mitgehen. Der Mittelstand findet keine Auszubildenden mehr. Wir müssen den Menschen digitale Teilhabe ermöglichen. Wir brauchen junge Familien im Ort.

So wie es ist, kann es nicht weitergehen.

Die Menschen ins Gespräch bringen

Als Bürgermeister würde ich einen Versuch wagen. Beginnen würde ich mit der Absicht, die Menschen wieder miteinander ins Gespräch zu bringen. Dazu braucht es einen Raum. Einen Raum, der wenig Zugangsbeschränkungen mit sich bringt. Einen Ort, wo sich Menschen aus der Nachbarschaft treffen, wo man nicht nur über das Wetter spricht, sondern sich gegenseitig hilft, wo Fragen beantwortet werden. Wie ist das mit dem Onlinebanking? Kann jemand mein Radio reparieren? Es ist der Ort, wo das nächste Gemeindefest geplant wird. Monatlich findet die Ehrenamtsbörse statt. Der Fahrradladen lädt zu einer Tour mit e-Bikes ein. Schüler helfen Älteren bei der Benutzung digitaler Endgeräte. Ach ja, und dann gibt es noch eine Ecke mit Tischen, an denen Freiberufler*innen mal arbeiten können. Eine kleine Co-Working-Ecke.

Der dritte Ort ist der Ort, der nach dem Zuhause (1) und der Arbeitsstätte (2) ein öffentlicher Raum ist. Es ist ein Ort, der den Menschen wieder aufzeigt, dass sie Teil der Gemeinschaft sind, dass sie die Gemeinde etwas lebenswerter machen können. Vielleicht sogar ein Ort, wo neue Ideen erdacht und umgesetzt werden. Hier wird gelernt, für Probleme gemeinsame Lösungen zu finden.  Die erweiterten Möglichkeiten werden mit Hilfe digitaler Werkzeuge aufgezeigt.

Ja, aber das kostet ja Geld. Das haben wir nicht, lautet der Einwand.

Dann müssen wir uns mal darum kümmern. Der Möbelladen steht sowieso leer. Den Vermieter müssen wir begeistern. Die örtliche Wirtschaft kann auch Dienstleistungen sponsern und so den Ort für die eigene Zukunft interessanter gestalten. Die VHS unterstützt die Anliegen mit ihren Kursleitungen, die dort regelmäßig Beratung zu Medienkompetenzen anbieten: Von Datenschutz bis Nutzung verschiedener Apps auf dem Smartphone. Die Bibliothek verlegt Lesungen in das neue Zentrum. Vielleicht werden auch Zeitschriftenregale aufgestellt.

Am Anfang eine Zukunftswerkstatt oder ein BarCamp veranstalten

Anfangen werde ich mit einer Zukunftswerkstatt oder einem kleinen Barcamp. Mein Aufruf an die Bürger*innen: „Wer hat Interesse, das neue Haus der Zukunft zu gestalten?“ Kommunale Träger, konfessionelle Träger, Jugendzentrum, Schüler*innen, Seniorenvertretung, Landfrauen, Amtsträger*innen, Sportverein, Handwerker*innen, Einzelhandel, Mittelstand – sie alle werden in Vorgesprächen eingeladen, den Prozess gemeinsam zu gestalten. Die örtliche Facebook-Gruppe wird aktiviert.

Daraus entwickelt sich die Initiativgruppe, die erste Ideen konkretisiert und diese in der Kommune insgesamt vorstellt. Eine Gruppe kümmert sich natürlich um die Finanzen. Was kann die Wirtschaft beitragen? Was kann aus dem kommunalen Etat finanziert werden? Wer kann Spenden akquirieren? Sachleistungen des Handwerks werden über Sponsorenverträge ermöglicht. Wo können Zuschüsse beantragt werden? Es werden Menschen eingeladen, die etwas Ähnliches bereits woanders umgesetzt haben.

Vereinzelt können wir verwalten, gemeinsam können wir gestalten“, das würde auf meiner Einladung zum ersten Treffen stehen.

Mit diesen Zeilen gehe ich jetzt zu meinem Bürgermeister. Vielleicht springt der Funke ja über. Wenn nicht, werde ich andere Menschen von der Idee des dritten Ortes begeistern.

 

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Kommentare

  1. / von Anneke Richter

    Ein sehr schöner Beitrag, der genau unsere Gedanken trägt. Wir sind gerade dabei solch einen dritten Ort zu gründen und gehen gerne in den Erfahrungsaustausch. Herzliche Grüße aus Ballenstedt von heimatBEWEGEN e.V. http://www.heimatbewegen.de

    1. / von Joachim Sucker
      zu

      Ihr könnt Eure Erfahrungen gerne auch als Gastbeitrag im Blog http://www.dritte-orte.de schreiben. Das wird viele andere auch interessieren. Eure Website finde ich sehr symphatisch!

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