Luftaufnahme Bielefeld

Was macht Bielefeld zur ersten Open Innovation City?

Sie hat über 330.000 Einwohner*innen und gehört damit zu einer der 20 größten Städte Deutschlands. Die Rede ist von Bielefeld in Ostwestfalen. Reich an einer 800-jährigen Geschichte geht die moderne Großstadt als erste „Open Innovation City“ (OIC) neue Wege in digitalen Zeiten. Damit einher geht die innovative Vernetzung von Wirtschaft, Hochschulen, Start-ups, Politik und Gesellschaft. Ein- und Ausblicke zur OIC gewährte uns Almut Rademacher vom Verein OWL Maschinenbau, einem der Partner der Open Innovation City, in unserem Interview.

Bielefeld ist laut Presseverlautbarung die erste „Open Innovation City“ Deutschlands. Was macht die Stadt aus Ihrer Sicht zu einer offenen Innovationsstadt?

Almut Rademacher: Unser Projekt „Open Innovation City“ verfolgt eine völlig neuartige Idee. Alle Player einer Stadt gestalten bereits heute gemeinsam ihre Zukunft: Politik und Verwaltung, Wirtschaft und Start-ups, Bildung und Forschung, Kunst und Kultur sowie das bürgerschaftliche Engagement. Wir möchten diesen Prozess aber methodisch unterstützen und ihn transparenter und offener gestalten.

Wir gehen davon aus, dass Innovationen nicht nur in der Wirtschaft entstehen können, sondern in allen Bereichen unserer Gesellschaft. Wenn verschiedene Akteure mit unterschiedlichen Hintergründen zusammenkommen, können Dinge entstehen, die wirklich innovativ und anders sind. Wenn wir zum Beispiel – und das ist jetzt nur eine fiktive Idee – die neu entstehende medizinische Fakultät der Universität Bielefeld, mit den von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel, den produzierenden Unternehmen aus der Medizintechnik und den betroffenen Menschen aus der Stadt verbinden, dann können wir die Stärken unserer Stadt bündeln und Dinge entwickeln, die einen handfesten innovativen Charakter haben. Solche Ideen möchten wir in unserer Stadt und der angrenzenden Region ausprobieren und leben.

Sie werden mit den Worten zitiert, dass „Open Innovation“ für die strategische Öffnung zur Generierung zukunftsfähiger Ideen und Produkte stehe. Was heißt das genau, auch mit Blick auf die Bürger*innen der Stadt?

Almut Rademacher: Wir möchten, dass Bielefeld auch weiterhin für hervorragende Innovationen steht, in Form neuartiger wissenschaftlicher Erkenntnisse mit hoher Relevanz für den Alltag und zukunftsfähiger Produkte und Patente. Wenn wir die wesentlichen gesellschaftlichen Akteure, und das sind immer auch die Bürgerinnen und Bürger der Stadt und Region, thematisch vernetzen, bewährte Institutionen und Formate integrieren und stärken, wird ein neuer Spirit der Innovationsfreudigkeit in der Stadt Einzug halten.

Unser Projekt verfolgt den „Bottom up“-Ansatz. Das bedeutet, wir dienen als Organisatoren und Knotenpunkt, die beteiligten Menschen sind aber die entscheidenden Akteure. Dies hat für alle Beteiligten einen hohen Nutzen. Wer sich aktiv in die Entwicklung der Stadt einbringt, kann mitbestimmen wie sie sich entwickeln wird.

 


Über die Open Innovation City

Das Ziel des Projekts „Open Innovation City“ (OIC) ist es, eine innovative Vernetzung von Wirtschaft, Hochschulen, Start-ups, Politik und Gesellschaft in deutschen Städten praxisnah umzusetzen. Gefördert mit 5,4 Millionen Euro durch das Land Nordrhein-Westfalen ist Bielefeld die erste OIC-Pilotstadt, die gemeinsam mit den Bewohnern Innovationen entwickelt, erprobt und Zukunftsthemen in Netzwerken auf Stadtebene gemeinsam und offen diskutiert. Zu den Projektpartnern der Open Innovation City gehören neben dem Verein OWL Maschinenbau, die Fachhochschule des Mittelstands (FHM), Founders Foundation und der Pioneers Club.


 

Warum wurde gerade Bielefeld als erste Stadt zur Open Innovation City ausgewählt?

Almut Rademacher: Bielefeld gilt laut Handelsblatt als die Hauptstadt des Deutschen Mittelstands. Mit den verschiedenen Wirtschaftszweigen und rund 126.000 sozialversicherten Beschäftigten, von denen rund 40 Prozent aus der umliegenden Region einpendeln, ist Bielefeld eines der wirtschaftlichen Zentren der Region.

Bielefeld und die umliegende Region Ostwestfalen-Lippe sind schon seit vielen Jahren sehr gut vernetzt und leben einen aktiven Austausch zwischen der Wirtschaft, der Wissenschaft und den Institutionen. Wir als OWL Maschinenbau vernetzen bereits seit 18 Jahren das Maschinenbaucluster der Region und leben auf unterschiedliche Weise den Open-Innovation-Gedanken in unserem vertrauensvollen Netzwerk. Die heterogene Wirtschaftsstruktur mit vielen Hidden Champions und die stark wachsende Startup-Szene sowie die interdisziplinäre Wissenschaftslandschaft bilden einen starken Nährboden für Innovationen.

Gleichzeitig hat Bielefeld aber auch eine aktive Kulturszene und ist sehr stark im sozialen Bereich. Wir glauben, dass Bielefeld daher die perfekte „Modellstadt“ sein kann, um den Open-Innovation-Gedanken in die Gesellschaft zu übertragen und sind sehr gespannt, wie uns das gelingen wird.

Bleiben wir noch einen Moment bei den Bürger*innen: Wie kann mit Blick auf das Pilotmodell sichergestellt werden, dass auch ältere Menschen stärker in den digitalen Prozess der Stadtentwicklung in Bielefeld eingebunden werden?

Almut Rademacher: Mit der Einrichtung unseres Innovation Offices in der Bielefelder Innenstadt im Laufe des Jahres 2020 wird ein niedrigschwelliger Zugang für alle Bürgerinnen und Bürger entstehen. Das Office wird barrierefrei zugänglich sein und ein Ort der Begegnung und des Austausches für die gesamte Gesellschaft werden. Das Office wird jedem und jeder Interessierten offenstehen, der oder die sich für die Geschichte, Gegenwart und Zukunft des Innovationsstandorts Bielefeld interessiert.

Unsere Veranstaltungen und Workshops werden für ein diverses Publikum konzipiert sein. In der Diversität der Teilnehmerinnen und Teilnehmer liegt gerade die Kraft des Open-Innovation-Gedankens. Daher freuen wir uns über allen Menschen, die sich an unserem Projekt beteiligen möchten, denn Sie sind die entscheidenden Innovatoren.

Das Projekt ist größer angelegt und soll auch internationale Partner und Metropolen einbinden. Welche Möglichkeiten sehen Sie, dass auch Klein- oder Mittelstädte von diesen Vorhaben profitieren können und Themen für die eigene Stadt adaptieren können?

Almut Rademacher: Das Konzept der Open Innovation City lässt sich prinzipiell ebenso auf kleinere Städte übertragen. Ein Teilziel des Projektes ist es, ein Transferkonzept zu erarbeiten, dass allen Städten und Kommunen offen zugänglich gemacht wird und das die angewandten Methoden und Erkenntnisse darstellt. Wir glauben, dass das Gelingen der offenen Innovation nichts mit der Größe der durchführenden Stadt oder ihrer wirtschaftlichen Stärke zu tun hat, sondern vielmehr mit der Offenheit der teilnehmenden Akteure. Internationale Partnerschaften werden doch bereits seit vielen Jahrzehnte sogar unter Dörfern geschlossen und können sehr fruchtbar sein. Wichtig ist in diesem Zusammenhang vor allem, dass alle beteiligten Partner Freude an innovativer Kooperationskultur haben.

Abschließend noch ein Blick nach vorne. Wenn Sie auf das Projekt in zwei bis drei Jahren schauen: Wo steht dann die „Open Innovation City“ als Pilotprojekt im Idealfall?

Almut Rademacher: Nicht nur auf wirtschaftlicher Ebene, sondern auch in der Stadtgesellschaft kann das Projekt der Open Innovation City neue Kräfte entfalten deren Wirkung wir heute noch gar nicht erahnen. Ein internationales und innovatives Umfeld mit spannenden Aktionen kann das Mindset einer Stadt verändern, neue Dinge auszuprobieren und sich international zu vernetzen. Wenn wir die Menschen, die sich in die Gesellschaft einbringen möchten, vernetzen, dann sind wir uns sicher, dass eine spürbare Kultur der Innovationsorientierung entstehen wird, die den Aufbau und die Migration von Talent und Expertise in die Stadt fördert.

Weitere Informationen zur Open Innovation City.

Titelfoto: „Bielefeld Luftbild“ by city_copter is licensed under CC BY-ND 2.0

Dieser Artikel ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.


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