Fünf Personen sitzen auf der Terrasse des CoWorkLand-Containers. Alle arbeiten an ihren Geräten. Im Hintergrund sieht man nichts als Felder.

CoWorkLand – Arbeiten, wo andere Urlaub machen

Johannes, Anfang 60, sitzt, sein Laptop vor sich, auf der Terrasse vor der Kaffeebar und blickt Richtung Deich und Meer. Er arbeitet am Aufbau eines Online-Shops für Rollstühle und ist regelmäßiger Gast im CoWorkLand, dem mobilen CoWorking-Space der Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig-Holstein, der im August 2018 in Brasilien am Schönberger Strand bei Kiel steht. Vor einem Jahr ist er von Bayern in den Norden gezogen, da seine Frau aus einem Dorf bei Kiel stammt, nun kommt er fast jeden Tag von Laboe mit dem Fahrrad zum Arbeiten hierher.

Neben ihm sitzt Andrej, um 30 Jahre jünger, der ebenfalls konzentriert auf sein Laptop schaut. Nach einer Weile kommen die beiden ins Gespräch – Andrej, erzählt, dass er nebenberuflich einen Online-Shop für orthopädische Kissen aufbaut. Die beiden lachen – sie haben sich gefunden, und sind ab diesem Moment ins Gespräch vertieft. Vielleicht entsteht eine Kooperation, gewachsen auf einem Acker hinterm Deich.

Viele gute Gründe für Coworking

Diese Form der informellen, zufälligen Vernetzung, die zu Innovation führen kann, ist nur einer der vielen guten Gründe, warum Coworking auf dem Land eine gute Sache ist – beziehungsweise wäre, denn noch gibt es das kaum. Sollte es aber. Da ist – in Zeiten von Fahrverbotsdebatten – die Chance, Pendlerverkehr vom Land in die urbanen Räume hinein zu verringern. In Zeiten der Digitalisierung ist es verrückt, dass die Menschen immer noch wie in den 50er Jahren jeden Tag in die Büros der Städte zum Arbeiten eilen – die Arbeit kann heute zum Menschen kommen.

Das führt zu weniger Schadstoffausstoß, Entlastung der Straßensysteme, aber vor allem auch zu mehr Lebensqualität für Arbeitnehmer*innen, zu besserer Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Ländliche Ortskerne könnten durch Coworking-Spaces wiederbelebt werden, denn wo wieder Menschen arbeiten, siedeln sich Läden, Cafés und Kinderbetreuung an.

Und zu guter Letzt wird der Lebensort „Dorf“ wieder für junge, hochqualifizierte Menschen attraktiv, die sich jetzt noch nicht trauen, den Schritt aus dem begehrten städtischen Milieu hinaus in die Fläche zu tun – fragt man sie, warum nicht, so ist es vor allem die Angst davor, allein zu sein, ohne „Community“, ohne Leute, die denken und leben wie sie.

Das „Digitales-Dorf-Paradox“

Diese Angst liegt an der Wurzel des „Digitalen-Dorf-Paradoxes“. Das besteht darin, dass einerseits durch die Digitalisierung das Leben auf dem Dorf immer einfacher und komfortabler wird und sich Teilhabe an Arbeit, Kultur und Bildung heute auch jenseits der Städte immer besser organisieren lässt.

Andererseits schreitet trotz dieser Chancen die Urbanisierung gerade auch durch die Digitalisierung ungebrochen voran – immer mehr Menschen ziehen in die Städte, immer weiter blutet das Land aus. Das Potenzial und das Versprechen des „Digitalen Dorfs“ bleiben unerfüllt.

Virtuelle Angebote scheinen also das, was die Städte stark macht, nämlich das dichte soziale Summen, die Chancen der hohen Vernetzung, nicht vollständig ersetzen zu können. Mit einem Dorf ist es wie mit einem neuen Café: Sitzt keiner drin, geht keiner rein. Ein Ansatz, das Digitale-Dorf-Paradox zu brechen ist also, diese Merkmale der Stadt in den ländlichen Raum zu bringen, eine punktuelle Urbanisierung der Pampa. Angebote für Menschen, die arbeiten wollen wie in der Stadt, aber auf dem Land.

Einfach mal ausprobieren – mit Erfolg

Das CoWorkLand zieht jetzt – Anfang September 2018 – schon seit 4 Monaten durch den Osten Schleswig-Holsteins. Es ist ein Prototyping, also der Versuch durch einen Testballon herauszufinden, ob dieses Arbeitskonzept im ländlichen Raum angenommen wird. Der Aufbau ist einfach – das aus Containern gebaute CoWorkLand bietet die Dinge, die CoWorking braucht: Schnelles Internet, guten Kaffee, schöne Arbeitsplätze und vor allem: Nette Leute.

Für alles können wir sorgen, nur für die Leute nicht – die müssen von allein kommen. Und das tun sie – der Erfolg ist überwältigend. Aus Kiel, Hamburg, selbst aus Berlin, aber auch aus den Dörfern der Umgebung kommen Menschen, die das Arbeiten in der Natur suchen. Sie kommen, weil sie neben und mit anderen arbeiten, sich vernetzen, auf neue Ideen kommen wollen. Es kommen Teams, die einen gemeinsamen Rückzugsort für konzentrierte Gruppenarbeit suchen. Es kommen Menschen, die von Ihrem Projekt erzählen und Vernetzung suchen.  Und oft kommen sie wieder, inzwischen ist über die unterschiedlichen Standorte hinweg eine Community entstanden.

Noch sind es vor allem Kreative, Freiberufler, StartUps – Menschen, die neue Arbeitsformen schon leben und ein solches Angebot schnell verstehen und annehmen. Doch wenn wir einen wirklichen Strukturwandel erzielen wollen, muss die Idee über die Grenzen dieser Zielgruppe hinauswachsen, müssen Menschen zu ländlichen Coworker*innnen werden, die nicht zu den klassischen Kunden dieser Orte zählen – Angestellte aus den großen klassischen Unternehmen, Behörden und Organisationen der Städte, den Versicherungen, Versandhäusern und Verwaltungen. Denn sie sind es, die sich jeden Morgen auf den Einfallstraßen in die Städte stauen und Ressourcen und Lebenszeit verbrennen. Unsere Interviews mit ihnen haben gezeigt, dass sie sich mehrheitlich wünschen, Teile ihrer Arbeitszeit in Coworking-Spaces in der Nähe ihrer ländlichen Wohnorte zu verbringen.

Doch müssen Arbeitgeber umdenken, müssen Richtlinien, IT-Systeme und Denkweisen in den großen Unternehmen sich wandeln – ein dickes Brett. Aber bekanntlich ist ja nichts so stark wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist. Wir glauben, dass Coworking auf dem Land eine solche Idee ist – und zahlreiche Cowork-Gründer*innen sehen das genauso. Sie tun sich jetzt zusammen und gründen die CoWorkLand-Genossenschaft, um den Norden tatsächlich in das Coworking-Land zu verwandeln. Und zu arbeiten, wo andere Urlaub machen.

 

Das Projekt CoWorkLand ist eines von vielen Beispielen, die den ländlichen Raum mit innovativen Lösungen voranbringen. Weitere solcher positiver Beispiele präsentieren die Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig-Holstein und die Bertelsmann Stiftung auf der Konferenz „Digitales Landleben“ am 10. September 2018 im Rahmen der Digitalen Woche in Kiel. Hier können Sie sich noch anmelden.



Kommentare

  1. / von Barry

    Eine wirklich interessante Vision. Nur die Geschäftsideen der beiden Entrepreneure sind – obwohl auf der Höhe der Zeit – leider eher Teil des Problems als der Lösung! Denn was ist gewonnen, wenn zwei Menschen sagen wir mal täglich je 100km NICHT Auto fahren, aber auf der anderen Seite Ihre Produkte dafür Tausende km durchs Land bzw. die ganze Welt chauffiert werden? Unterm Strich viel mehr Verkehr, mehr Schadstoffe, mehr Sterben von Läden, d.h. mehr Arbeitslosigkeit und sogar Verschlechterung der Infrastruktur, der Laden um die Ecke, wo man sich beraten lässt, probiert UND einkauft, ist nämlich dann für immer weg. Es kann keine Lösung sein, wenn jeder einen Versandshop aufmacht, dafür gibt es langfristig überhaupt keinen Bedarf! Man stelle sich mal ein Land vor mit 30.000.000 Onlineshops, 2.000.000 LKWs und 1.000.000 Lagersklaven zum Mindestlohn – eine Horrorvision.

  2. / von Ulrich Bähr

    Wir befassen uns hier ja mit dem ländlichen Raum, und da ist die Möglichkeit, z.B. einen Rollstuhl zu leihen, ohne in die nächste Großstadt zu fahren, ein wesentliches Argument dafür, da wohnen zu bleiben. Ihre Horrorvision stellt ein so nie dagewesenes Gestern (Sanitätsfachhandel auf dem Land?) gegen ein verzerrtes Morgen. Denn gerade darum geht es ja: jetzt Entwicklungspfade finden und entwickeln, die eine lebenswerte Zukunft auf dem Land bedeuten.

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