Blick aus der Luft auf eine kleine oder mittelgroße Stadt. Es sind viele rote Backsteinhäuser zu sehen. Am Horitont ist viel grün zu sehen.
Mitarbeoterfoto Mario Wiedemann
Mario Wiedemann
25. November 2020
Digitales Landleben

Speckgürtel oder Speckwürfel: Wer profitiert von einer „Lust aufs Land“?

Die Mieten und Immobilienpreise in vielen Städten steigen rasant. Vielerorts ist der Verkehrskollaps nahe – oder schon da. Die nur in großen Städten vorhandene Dichte an Freizeit- und Kulturangeboten verliert ihren Zauber, wenn die Corona-Pandemie dazu führt, dass sie kaum oder gar nicht genutzt werden können. Und immer mehr Menschen arbeiten zeitlich flexibel und örtlich ungebunden.

So könnte eine überzeugende Argumentation für die These lauten: Die Attraktivität des ländlichen Raumes steigt und es ziehen immer mehr Menschen „aufs Land“. Und eben diese Argumente sind auch regelmäßig zu hören und zu lesen. Zu Recht?

Digitale Arbeit als Treiber für die „Stadtflucht“?

Die ortsungebundene, mobile, digitale Arbeit ist quasi das Querschnittsargument für das Narrativ der Lust aufs Land. Wenn der Einsatz meiner Arbeitskraft keine ständige physische Anwesenheit in den städtischen Arbeitsorten erfordert, könnte ich auch außerhalb der Stadt leben, ohne ständig und lange pendeln zu müssen. Diese Schlussfolgerung ist einleuchtend. Doch es gibt auch Stimmen, denen diese Schlussfolgerung zu kurz gesprungen ist.

Der Ökonom Jens Südekum meldet im Urban Change Podcast (Folge 2) Zweifel an. Durch den Strukturwandel hin zu immer wissensintensiveren Dienstleistungen hätten bisher vor allem die Städte und deren Speckgürtel gewonnen. Jobs, die in Zukunft durch die Digitalisierung wegfallen könnten, seien häufig jene, die momentan noch in der Industrie im ländlichen Raum anzutreffen seien. Jobs die neu hinzukommen, seien eher wissensintensive, urbane Jobs. Südekum gibt zu bedenken, dass die Digitalisierung die Urbanisierung noch anfachen könne.

Eine Anfang dieses Jahres veröffentlichte Studie über die regionale Verteilung von Innovation kommt zu einem ähnlichen Ergebnis. Die Verheißung, dass die Digitalisierung zu einer dezentraleren Verteilung von Innovationen führen würde, habe sich nicht bewahrheitet:

 „Insgesamt scheint es sogar so, als hätten nur die großen Städte die neuen technischen Möglichkeiten genutzt, um den Austausch günstiger und effizienter zu machen. Das heißt: Der technische Fortschritt führt womöglich sogar dazu, dass der Vorsprung der Metropolen zunimmt. Genau darauf deuten die Studienergebnisse – auch für Deutschland – hin. Tatsächlich sind die Konzentrationsprozesse vergleichsweise stark in solchen Branchen sichtbar, wo digitale Technologien verstärkt zum Einsatz kommen.“ (Marcus Wortmann)

Die Studie sieht Deutschland wirtschaftsgeographisch zwar dezentraler aufgestellt als die anderen untersuchten Staaten und in der Studie wurden ausschließlich Patentanmeldungen als Gradmesser für Innovationen betrachtet, was sicher nicht der einzige Weg ist, um den Innovationscharakter von Regionen zu messen. Was sich aber durch die Beiträge dieser Studie, von Jens Südekum und anderen zieht, ist der Agglomerationseffekt. Die Ansammlung von innovativen Unternehmen an einem Ort zieht noch weitere Unternehmen an. Dies macht die Orte auch für potenzielle Arbeitnehmer:innen attraktiver. Aufgrund des großen Talentepools ziehen dann weitere Unternehmen nach. Ein kontinuierlicher Kreislauf kann so in Gang gesetzt werden.

Nehmen wir einmal an, die technologiegetriebenen Unternehmen mit ihrem Bedarf an kreativen Köpfen in Wissensberufen sind und werden tatsächlich hauptsächlich in Ballungsgebieten zu finden sein. Spricht dies gegen die These, dass digitale Arbeit den Trend zur Stadtflucht verstärkt?

Corona-Pandemie als Beschleuniger

Die ortsungebundene Arbeit erhält durch die Veränderungen, die die Corona-Pandemie in unserem Arbeitsleben hervorruft, aktuell Aufwind. Viele Arbeitgeber:innen haben ihre Mitarbeiter:innen über Monate hinweg ins Home Office geschickt. Und sie tun dies aktuell wieder. Ein hundertprozentiges Zurück zur Art der Arbeitsorganisation wie vor der Pandemie wird es vermutlich nicht geben.

Selbst in Bereichen, in denen traditionell eher Wert auf Anwesenheitskultur gelegt wurde, wie z.B. in der städtischen Verwaltung, wurden durch die Pandemie Veränderungen in Gang gesetzt. Die Stadt Soest hat Ihre Mitarbeiter:innen, die in Folge des 1. Lockdowns im Home Office arbeiteten befragt und die Ergebnisse veröffentlicht. Danach wünscht sich eine große Mehrheit von 86 Prozent, den Arbeitsort frei wählen zu können. Die Stadt Soest will die Ergebnisse in der künftigen Gestaltung der Arbeit in der Verwaltung berücksichtigen. Auch hier wird es eine komplette Rückkehr zur Arbeitsorganisation wie vor der Pandemie vermutlich nicht geben.

Diese Entwicklung ist auch eine Chance für neue Orte der Arbeit auf dem Land. Die Studie „Coworking im ländlichen Raum“ hat über 200 Personen (z.B. Gründer:innen und Nutzer:innen von Coworking Spaces auf dem Land) befragt. Schon für die Zeit vor Corona sahen die befragten Personen erhebliches Potenzial von Coworking Spaces im ländlichen Raum – sofern diese in ein Netzwerk z.B. aus Kommune und lokalen Unternehmen eingebunden sind. Durch Corona schätzen die befragten Personen das Potenzial noch größer ein.

Der Projektraum Drahnsdorf ist eine Bildungs- und Begegnungsstätte.

Projektraum Drahnsdorf. Ein neuer Ort der Arbeit auf dem Lande, in dem Workshops und weitere Veranstaltungen angeboten werden. Foto: Peter Ulrich/ https://fotografie.peterulrich.net

Nehmen wir einmal an, der begründete Verdacht, dass digitale Arbeit mehr Menschen die Möglichkeit bietet, ihren Wunsch vom Leben auf dem Land oder in einer Kleinstadt zu realisieren, weil sie ihren Arbeitsort flexibler wählen können, stellt sich langfristig als richtig heraus. Welche Kommunen könnten davon profitieren?

Wer profitiert von einer „Lust aufs Land“?

Die Spannbreite des Begriffs ländlicher Raum ist groß. Es gibt keine einheitliche Definition davon, was in Deutschland geographisch alles unter ländlicher Raum gefasst wird. Und so werden mitunter Kommunen, die sich im Speckgürtel um Großstädte herum befinden schon mal zum ländlichen Raum gezählt.

Eine Analyse der Wanderungsbewegungen hat gezeigt, dass das Umland der zehn größten deutschen Städte kontinuierlich Menschen aus den Großstädten anzieht. Dabei sprechen wir von Überschwappeffekten: Die Kapazitäten in den Großstädten sind erschöpft und die Menschen weichen aus ins Umland. Sind es also nur die Speckgürtel in Brandenburg rund um Berlin oder das Münchener Umland, die dann als ländlicher Raum bezeichnet werden und so den Eindruck erwecken der ländliche Raum profitiere?

Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung und Neuland21 weiten den Blick über die Speckgürtel hinaus: Sie sprechen in der Studie „Urbane Dörfer“ von einzelnen Speckwürfeln. Dies sind Orte, die sich nicht im klassischen Speckgürtel befinden, die aber ähnlich wie die Speckgürtel neue Bewohner:innen aus den Metropolen anziehen. Viele dieser Speckwürfel sind in Brandenburg zu finden. Es sind Orte, die viele Kreative anziehen, die ihre Arbeit digital verrichten. Die Autor:innen der Studie halten fest, dass die dynamische Entwicklung der Speckwürfel in Brandenburg nicht in allen Bundesländern anzutreffen ist. Eines zeigt die Studie aber deutlich: Es ist als Kommune möglich, sich gegen den demografischen Negativtrend zu stemmen und sich interessant zu machen für neue Einwohner:innen. Dies haben mehrere Projekte bereits gezeigt.

Der Summer of Pioneers in Wittenberge zum Beispiel, hat für ein Jahr rund 30 Menschen, die vorwiegend digital arbeiten, aus Großstädten nach Wittenberge gelockt. Sie haben dabei u.a. von vergünstigtem Wohnraum und einem Platz in einem Coworking Space profitiert. Nach Ende des Summer of Pioneers hat sich knapp die Hälfte der Teilnehmer:innen entschieden, dauerhaft in der Stadt zu bleiben oder regelmäßig dort zu arbeiten.

Im niedersächsischen Schöppenstedt fand die erste Ausgabe des Lab4Land statt. Vier Wochen lang kamen Gründer:innen von Startups, die Lösungen für den ländlichen Raum entwickeln, in einem Accelerator zusammen, um an ihren Geschäftsideen zu feilen. Austragungsort war die DStation, die ein heimisches Technologieunternehmen beherbergt, einen Coworking Space betreibt und das komplette Gelände zu einem Anziehungspunkt für kreative Menschen, Initiativen und Startups entwickeln will. Ein solcher Ort kann die Keimzelle dafür sein, nicht nur neue Einwohner:innen anzuziehen, sondern auch jungen Menschen, die es mit ihrem Tatendrang eher in die große Städte zieht zu vermitteln, dass sich ein Verbleib vor Ort lohnen kann.

Auf der Holzterrasse eines Backsteingebäudes sitzen 2 Männer und eine Frau an ihrne Laptops.

Blick auf die Terrasse der DStation im niedersächsischen Schöppenstedt (Austragungsort des Lab4Land).

Ohne Infrastruktur kein Speckwürfel

Wird es nun allen Kommunen im ländlichen Raum gelingen, sich zu Speckwürfeln zu entwickeln? Vermutlich nicht. Nach Jens Südekum, der viele Politiker:innen in der Provinz interviewt hat, sind es drei Grundvoraussetzungen, die eine Kommune erfüllen muss, damit sie auch in Zukunft attraktiv bleiben:

  1. Die digitale Infrastruktur muss modernen Ansprüchen genügen.
  2. Die Verkehrsinfrastruktur muss gut ausgebaut sein.
  3. Ein Grundgerüst an Wissensinfrastruktur (Schulen im Ort, Hochschulen zumindest in erreichbarer Nähe) muss zur Verfügung stehen.

Eine Kommune ohne ausreichende Breitbandabdeckung kann logischerweise keine Menschen anziehen, die vorwiegend digital arbeiten. Menschen, die in Betracht ziehen, sich aus der Großstadt zurückzuziehen sind häufig Eltern. Sie benötigen eine Bildungsinfrastruktur in Form von Schulen oder Kitas. Außerdem muss die Verkehrsinfrastruktur es erlauben, mit dem Auto und mit dem Zug komfortabel in Großstädte gelangen zu können. Nicht umsonst sind viele Speckwürfel bisher an Orten zu finden, die über Bahnverbindungen verfügen. Daher ist die jüngste Entwicklung, dass Bahnstrecken, die in den vergangenen Jahrzehnten stillgelegt wurden, bereits reaktiviert wurden oder eine Reaktivierung in Planung ist (auch wenn der Weg dorthin sehr mühsam ist, wie ein lesenswerter Artikel auf taz.de zeigt), eine erfreuliche Entwicklung. Es bietet Entwicklungs- und Zukunftschancen.

Gute Ausgangsbedingungen für alle Regionen schaffen

Um eine Entwicklung in Gang zu setzen, die eine Kommune zu einem Speckwürfel werden lässt, braucht es neben den oben genannten Grundvoraussetzungen vor allem eines: Kreative Personen mit viel Tatendrang, die eine Aufbruchsstimmung erzeugen und die den langen Atem haben, diese Stimmung auch ins Ziel zu tragen. Dies können Bürgermeister:innen sein, die neue Wege gehen oder auch einzelne kreative Köpfe, die sich zusammentun und Projekte initiieren, die die Saat für weitere vielversprechende Entwicklungen legen. Ulrich Bähr, Geschäftsführer der Genossenschaft Coworkland, hat dies in einem Statement zum Wert von Coworking Spaces im ländlichen Raum so formuliert:

„Ein Coworkingspace auf dem Land ist wie ein Korallenriff in einem toten Meer. Wenn ich ein Korallenriff ansiedele, habe ich wieder eine Basisstruktur, wo sich dann andere Lebewesen ansiedeln können. Dort entsteht ein neues Ökosystem.“ (Ulrich Bähr)

Und auch Jens Südekum plädiert nicht dafür, dass die Politik den ländlichen Raum aufgeben solle. Vielmehr solle der Staat durch die Bereitstellung einer gut verteilten Digital-, Verkehrs- und Bildungsinfrastruktur gute Ausgangsbedingungen für alle Regionen schaffen. Was aus diesen Ausgangsbedingungen geschaffen wird, liegt dann auch an der Gestaltungskraft der Kommune selbst.

In unserer Initiative Digitale Landpioniere versammeln wir kreative Köpfe, die viel Engagement und Know-How haben, um in Kommunen Positives zu gestalten. Gemeinsam werden wir Politikempfehlungen erarbeiten, damit es nicht bei vereinzelten Speckwürfeln in Brandenburg und andernorts bleibt.

 

Titelfoto: hmauck/Pixabay, Pixabay License

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