Ein im Boden eingelassener Sensor meldet Falschparker.

Start-up Bauhof Herrenberg: „Wir haben einen richtigen Nerv getroffen“

Als Konsequenz aus der Corona-Krise sollen auch Kommunen digitaler werden. Dafür will die Bundesregierung Mittel im Konjunkturpaket frei machen. Eine Gemeinde, die schon jetzt mit kleinen Mitteln auf digitale Anwendungen setzt, ist Herrenberg in Baden-Württemberg. Im Interview erklärt der Leiter des Amtes für Technik, Umwelt, Grün, Stefan Kraus, welche Projekte die Kommune unter dem Arbeitstitel Start-up Bahnhof vorantreibt. Herrenberg hat ein kommunales Mobilitätsportal aufgebaut, eine Spielplatzdatenbank online gestellt ­– und weitere Pläne in der Schublade.

Viele sagen jetzt einen Digitalisierungsschub infolge der Corona-Krise voraus. Wie ist Ihre Einschätzung?

Stefan Kraus: Ich habe schon sehr früh gesagt, dass wir Pläne in der Schublade haben müssen, falls ein Konjunkturpaket aufgelegt wird. Das ist jetzt passiert. Die Bedeutung der Digitalisierung wächst. In Herrenberg haben wir zu Beginn der Corona-Krise die Hälfte der 300 Kernmitarbeiter der Stadtmitarbeiter mit Laptops ausgestattet. Das hat uns gerettet.

Das Konjunkturpaket soll auch Digitalisierungsprojekte in den Kommunen fördern. Angenommen Sie erhalten etwas aus dem Fördertopf: Wofür würden Sie das Geld am liebsten einsetzen?

Kraus: Wir müssen sehen, was uns am meisten bringt. Die Lösungen sollten von unten kommen und nicht von oben aufgesetzt werden. Letzteres würde die Gefahr bergen, dass es letztendlich niemand benötigt.

„Wir möchten den Winterdienst über einen Algorithmus alarmieren.“

Was könnte das konkret sein?

Kraus: In der Schublade schlummern noch so viele Ideen. Wir möchten zum Beispiel den Winterdienst über einen Algorithmus alarmieren. Wir haben Straßensensoren eingebaut, die viele Parameter unter anderem zur Temperatur, Glätte, Schneefall liefern. Außerdem gibt es eine Datenbank mit Wettersituationen aus der Vergangenheit, bei denen wir ausrücken mussten. Das würden wir gerne miteinander verbinden. Eine übliche Wettervorhersage reicht heute nicht mehr aus. Wir möchten auch den Verleih von Gegenständen wie Umzugsschilder digitalisieren. Die Leute müssen auf dem Sofa sitzen können und die Services der Stadt von dort aus nutzen können – wie eine Bestellung bei Amazon.

Ist Digitalisierung nicht einfach nur ein aktueller Hype-Begriff?

Kraus: Wenn wir sehen, wie die neue Welt auf uns zurollt, können wir nicht immer mit den alten Antworten aufwarten. Die Menschen werden immer digitaler. Die Einwohner*innen haben den Anspruch, dass man sein Kind einfach, schnell und digital in einer Kita anmelden kann. Man kann doch die Leute heute nicht immer in das Bürgerbüro bitten, wenn sie einfache Dinge erledigen wollen. Außerdem bremst es auch uns aus. Eine persönliche Einzelbetreuung ist ein unglaublicher Aufwand. Das kann man auf wichtige, zwingend persönliche Besprechungen reduzieren. Auch Videochats sind eine wunderbare Möglichkeit, die wir nutzen.

Eine ganz neue Lösung ist Ihr Mobilitätsportal „stadtnavi“. Wie kam das zustande und wie haben Sie das umgesetzt?

Kraus: Dass eine kleine Stadt wie Herrenberg mit 30.000 Einwohnern eine Mobilitätsplattform schafft, ist ein Novum. Wenn wir die 95 % Förderung vom Bund nicht bekommen hätten, hätten wir das nie gemacht. Dann haben wir recherchiert, ob es schon etwas auf dem Markt gibt, was man auf unsere Bedürfnisse zurechtbiegen kann. Wir haben aber nichts Gescheites gefunden. Nach zwei Jahren Förderung hätten wir sehr viel nachzahlen müssen, um das Ganze am Laufen zu behalten. Zudem gab es nicht die Intermobilität. Wir wollen verschiedene Verkehre, zu Fuß, mit Rad, ÖPNV, Taxi und Auto miteinander vernetzen.

Dann haben Sie es selbst gemacht?

Kraus: Wir hatten Kontakt mit dem Verschwörhaus in Ulm, die uns auf die Source-Lösung „Digi Transit“ der finnischen Verkehrsbetriebe aufmerksam gemacht haben. Dafür haben wir uns dann entschieden und uns Entwickler dazu geholt. Jetzt haben wir eine Entwicklung aus der Verwaltung heraus geschaffen. Wir stellen keinen Anbieter nach vorne. Stattdessen ist es eine lizenzfreie und werbefreie Anwendung, die auch anderen Kommunen zur Verfügung steht. Jeder kann „stadtnavi“ nutzen und es „stadtnavi Ulm“, „stadtnavi Osnabrück“ oder ähnlich nennen. Schon jetzt erhalten wir viele Anfragen, zum Beispiel aus Sindelfingen und dem benachbarten Landkreis. Irgendwie haben wir einen richtigen Nerv getroffen.

Wer hat bei der Entwicklung geholfen?

Kraus: Die Community hilft uns unheimlich. Die Anwendungen, die wir entwickeln, sind alle Open Source mit der Community entstanden. Sehr viel mit der Open Street Map Community, da haben wir viel in kurzer Zeit hinbekommen, weil die frei mitarbeiten. Bei allen Prozessen lassen wir uns auch professionell begleiten, vor allem durch die Hochschule für Verwaltung in Ludwigsburg.

Über Parksensoren zeigt eine App an, wo Autofahrer parken können.
In Herrenberg sind viele Parkplätze mit Sensoren ausgestattet. So findet der Appnutzer einen freien Parkplatz, ohne suchen zu müssen. Foto: Stadt Herrenberg

Wie funktioniert das Portal konkret?

Kraus: Die Nutzer*innen können einstellen, mit welchem Mittel sie unterwegs sein möchten. Wir haben auch eine Fahrgemeinschaft drin. Wenn man täglich nach Stuttgart fährt, kann man seine Fahrt einstellen und anbieten. Demnächst wollen wir auch auf Firmen in Herrenberg zugehen, die einen großen Mitarbeiterparkplatz haben. Dort könnten die Mitarbeiter über einen großen Bildschirm ihre Fahrten anbieten und andere mitnehmen. Außerdem zeigt das Portal an, wo es freie Parkplätze gibt und wo Baustellen den Verkehr behindern. Demnächst wollen wir das Bustracking in Echtzeit einführen.

Man kann sich auch anzeigen lassen, wie man am umweltfreundlichsten von A nach B kommt. Möchten Sie dadurch eine umweltfreundliche Verkehrswende einleiten?

Kraus: Wir sind nicht dogmatisch und verteufeln das Auto. Gerade im ländlichen Raum ist es oft das Verkehrsmittel der ersten Wahl. Wir wollen aber auch Geschmack machen auf den ÖPNV oder das Radfahren.

Sie haben noch mehr digitale Projekte. Dazu zählt die Spielplatzdatenbank. Wozu braucht man so etwas?

Kraus: Die Spielplatzdatenbank ist ein Gewinn aus ohnehin vorhandenen Daten. Wir haben alle Spielplätze intern kategorisiert, weil wir sie alle zwei Wochen prüfen müssen. Unter Eltern gibt es wiederum einen regelrechten Spielplatztourismus. Sie erkunden verschiedene Spielplätze. In der Datenbank können sie nach altersgerechten Spielgeräten schauen und danach wählen.

Und dann haben Sie noch einen digitalen Schadens- und Ideengeber. Wie funktioniert dieser?

Kraus: Früher sind die Bürger*innen auf verschiedenen Wegen zu uns gekommen, persönlich, per Anruf oder Fax. Da gab es keinen klaren Prozess. Das wollten wir vereinheitlichen. Schönstes Beispiel: Ein 13-Jähriger war in Barcelona und hat dort ein Spielgerät entdeckt. Das Foto hat er uns geschickt und wir haben das Gerät besorgt. Wir haben die Anwendung auch schon zweckentfremdet. In Herrenberg gibt es freiwillige Müllsammler. Sie wollen den Müll natürlich nicht auch noch mit nach Hause nehmen. Darum haben sie ein Foto vom zusammengefegten Müllhaufen gemacht und über den Schadensmelder geschickt. Der Bauhof hatte dann die GPS-Koordinaten und konnte den Müll einfach einsammeln. Eine Win-Win-Situation.

Die Fragen stellte Fabian Wahl.

Titelfoto: Weise, factum.

Dieser Artikel ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.


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